Lesezeit 20 Min
Politik

Was vom Bösen bleibt

Fast drei Jahre lang stand die irakische Stadt Mossul unter der Herrschaft des "Islamischen Staats". Nun ist ein Teil der Stadt befreit. Ihre Menschen erzählen vom Alltag unter Barbaren – manche trauern ihnen sogar nach.

CHRISTIAN WERNER / DER SPIEGEL
von
Jonathan Stock
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Politik

Hinter den Lilien an der letzten Straßensperre, hinter dem Zeichen des "Islamischen Staats", hinter verlassenen Schützengräben, hinter den Schafen, die zwischen den ausgebrannten Panzern grasen, hängt ein Mann an einem Strommast. Ein Kabel ist um seinen Hals geschlungen, die Haare sind frisch geschnitten. Es ist staubig hier, und mit dem aufkommenden Smog sieht man nicht weit, Mossul ist nur ein Streifen am Horizont, man hört die Stadt, bevor man sie sieht, die Luftschläge der Kampfjets aus neun Ländern, das Granatfeuer, die Straßenbomben, die der IS zurückgelassen hat. Den Leichnam am Strommast bewacht ein junger Kämpfer der schiitischen Badr-Brigaden, konzentriert steht er mit seiner Kalaschnikow am Straßenrand, beobachtet den Verkehr. Kinder halten an, schauen kurz nach oben, gehen weiter. Ein irakischer Soldat kommt mit zwei Kameraden von der anderen Straßenseite heran, er ist älter, ein Familienvater aus Bagdad, es ist sein zweiter Tag hier vor der Front, er muss noch lernen.

"Warum hängt der Mann da oben?", fragt er.

"Als wir ihn gefunden haben, hat er noch gelebt. Also haben wir ihn getötet. Dann haben die Hunde angefangen, ihn zu essen."

"Und?"

"Und wir wollen keine Hunde hier. Also haben wir ihn an den Mast gehängt."

"Er gehört beerdigt. Er ist ein Geschöpf Gottes."

"Nein. Er ist Daisch."

Daisch, so nennen sie hier die Kämpfer des IS, verächtlich, mit einem scharfen Zischlaut am Ende, wie das Züngeln einer Schlange. Es erinnert an das arabische Wort für "zertreten" oder "Zwietracht säen". Und so wie es der Wächter sagt, klingt es, als wäre der Tote kein Geschöpf Gottes, als stünde er außerhalb der natürlichen Ordnung, als gälten für ihn nicht die Regeln, die für alle gelten, als könnte ein Mensch nicht gut genug sein, um als Mahl der Hunde zu enden. Der Wächter dreht sich um zu uns, die hier angehalten haben, deutet auf den toten Kämpfer und sagt ein paar der Wörter, die er auf Englisch kennt und die ihm passend erscheinen: "End of story."

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Toter IS-Kämpfer am Strommast vor Mossul: „Wir wollen keine Hunde hier“

Das Ende des IS im Irak, es ist noch nicht geschrieben, aber es entscheidet sich in Mossul, der zweitgrößten Stadt des Landes, 356 Kilometer nördlich von Bagdad, Heimat von über einer Million Menschen, fast drei Jahre regiert von Terroristen. In der zweiten Januarwoche erreichten nach Monaten heftiger Kämpfe irakische Spezialeinheiten den Fluss Tigris, der die Stadt teilt. Kurz danach sprengte der IS alle verbliebenen Brücken über den Fluss und harrt seitdem im Westteil Mossuls aus, mit etwa 750 000 Menschen in seiner Gewalt, umzingelt von kurdischer und irakischer Armee. Nur der Osten der Stadt ist weitgehend befreit. Fällt Mossul…

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Nr. 6/2017