Lesezeit 31 Min
Politik

Was Gott zulässt

Vor einem Jahr haben Islamisten in Syrien und im Irak ihr Kalifat ausgerufen. Seitdem überziehen sie die Welt mit Propagandabildern des Grauens. Der Alltag, der dahinter steht, ist akribisch organisierter Horror.

MARIA FECK / DER SPIEGEL
von
Uwe Buse
und
Katrin Kuntz
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Politik

Vier Männer, in ein Auto gesperrt und per Granate aus der Panzerfaust getötet; sieben Männer, per Zündschnur verbunden und gemeinsam in die Luft gesprengt; fünf Männer, in einen Metallkäfig gesteckt und zum Ertrinken im Wasser versenkt – 16 Männer waren es, von denen wir seit dieser Woche wissen, dass sie grausam umgebracht wurden, weil es den Henkern des "Islamischen Staats" gefallen hat, die Opfer beim Sterben zu filmen.

Es sind Filme, sorgsam inszeniert und über alle modernen Kanäle verbreitet, die direkt aus der Hölle zu kommen scheinen. Die neuen Kalifen oder die sich dafür halten führen einen Totentanz sondergleichen auf, es ist ein Horror wie gemalt von Hieronymus Bosch – aber diese Killer und Henker sind nicht erfunden. Es sind heute in Syrien und an Euphrat und Tigris, wo die menschliche Zivilisation einst begann, keine Figuren aus Albträumen am Werk, sondern real existierende Akteure der Zeitgeschichte mit einer größenwahnsinnigen Agenda. Und statt ihre Morde zu verstecken, laden sie, im Gegenteil, noch alle Welt zum Zuschauen ein, stolz auf die entgrenzte Brutalität, die sowohl zur militärischen Strategie gehört als auch zu den Instrumenten der Unterdrückung.

Der "Islamische Staat" ist Faktum und Fiktion zugleich, eine Propagandablase in jedem Fall, aber auch eine neue Gesellschaftsordnung dort, wo er an die Macht gekommen ist. Seit einem knappen Jahr erst ist das "Kalifat" verkündet, und aus der älteren Gruppe ISIS wurde der IS, in der arabischen Welt häufig Da'isch genannt. Gemeint ist immer das Gleiche: Verhandelt wird über eine militante Bewegung, die auch in den irakischen Gefangenenlagern der Amerikaner ihren Ausgang nahm, sich zur Qaida-Filiale im Irak auswuchs und nun als IS Gebiete für sich beansprucht, Gelände für den neuen Staat, erobert von alten Granden des Saddam-Regimes.

Dabei ist der "Islamische Staat" reine Behauptung, es gibt bei Licht betrachtet nur ein uneinheitliches Besatzungsregime ohne ein zusammenhängendes Land. Es gibt Städte in seiner Gewalt, Rakka, Ramadi, die Metropole Mossul, es gibt unterwanderte Dörfer in Syrien, im Irak, die der IS beherrscht. Was es zu wenig gibt, sind überprüfbare Fakten.

Wer sich als Reporter nach Rakka wagte, um zu recherchieren, befände sich in unwägbarer Lebensgefahr, die kein seriöses Medium verantworten kann. Wer trotzdem hinfährt, wie der Exbundestagsabgeordnete und Bestsellerautor Jürgen Todenhöfer, ist abhängig von der Gnade seiner Gastgeber und darf nur untertänige Fragen stellen. Aber es gibt andere Wege in das finstere Reich hinein, Zugänge durch die Hintertür, durch den Untergrund. Noch sind nicht alle Leitungen gekappt, noch kann man manchmal telefonieren, skypen, SMS austauschen.

Vor allem gibt es Zirkel engagierter Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, alle Aktivitäten des IS, virtuelle wie handfeste, zu dokumentieren. Es gibt Widerstand in den besetzten Gebieten, mutige Einzelne, die es sich bei aller Gefahr für Leib und Leben zur Aufgabe gemacht haben, die Hoffnung auf ein anderes Leben wachzuhalten und solange in Ton, Bild und Text festzuhalten, wie der Alltag im IS aussieht. Ihnen verdankt der SPIEGEL im Wesentlichen die Einblicke ins Alltagsleben, die hier ausgebreitet sind.

Wir haben Kontakt herstellen können zu Bürgern in Mossul und Rakka, mit Menschen also im "Islamischen Staat". Mit ihnen hatten wir regelmäßig Kontakt, sie führten teils Tagebuch für uns, ihre Aussagen glichen wir ab, teils mit Erzählungen von Menschen, denen die Flucht aus der Terrorzone gelungen ist, teils mit Videomaterial, teils mit Dokumenten.

Der Artikel basiert auf Gesprächen mit IS-Kämpfern, die von kurdischen Truppen gefangen genommen und inhaftiert wurden. Des Weiteren hörten wir in verschiedenen Flüchtlingslagern auf kurdischem Gebiet die Erzählungen jesidischer Frauen, die von IS-Kämpfern verschleppt und versklavt worden waren. Wir konnten sprechen mit politischen Aktivisten der Kampagne "Raqqa Is Being Slaughtered Silently", die unter Lebensgefahr Material aus Rakka und den umliegenden Dörfern veröffentlichen.

Wir taten es in der Gewissheit, dass bei allen Informationen, die den IS betreffen, große Skepsis angebracht ist. Wo es um Dokumente ging, die angeblich vom IS selbst stammten, zog der SPIEGEL Experten der…

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Nr. 27/2015