Lesezeit 17 Min
Gesellschaft

Was für Helden

In der DDR stritten sie als Bürgerrechtler für Demokratie – jetzt driften Freiheitskämpfer von einst nach rechts ab. Warum?

SVEN DÖRING / DER SPIEGEL
von
Konstantin von Hammerstein
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Gesellschaft

Als die Stasi Siegmar Faust 1972 nach sieben Monaten Untersuchungshaft in die Psychiatrie nach Waldheim einlieferte, war er neidisch. Einmal am Tag kamen die Wärter in ihrem weißen Kittel in seine Achtbettenzelle, die Insassen mussten eine Ladung bunter Pillen aus einem Glasröhrchen schlucken, nur Faust ging leer aus.

Dabei hätte er gern Widerstand geleistet. Und die Medikamente heimlich wieder rausgewürgt, wie seine beiden Mithäftlinge. Oder der Gangster in seiner Zelle, der mit Schaum vor dem Mund so gut den Epileptiker spielte, dass ihm die Aufpasser erst spät auf die Schliche kamen.

Bei seinen Verhören hatte Faust versucht, die Stasi-Vernehmer mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, und sie mit den Parolen traktiert, die er als Jungmarxist aus der Schule kannte. Zur Strafe steckten sie ihn unbefristet in die Psychiatrie. Er hatte Glück. Wenige Wochen später ordnete der neue SED-Chef Erich Honecker eine landesweite Amnestie an, und man ließ ihn laufen. Erst zwei Jahre später wurde er wieder verhaftet.

Als junger Mann kämpfte Faust für Meinungsfreiheit und Menschenrechte. In der DDR war er damit ein Andersdenkender, ein Dissident. Jetzt ist er 73, seine Peiniger sind in Rente oder lange tot, doch Faust kämpft immer noch. Er kann nicht anders, es wäre gegen seine Natur.

Bei der Bundestagswahl hat er die AfD gewählt. Sein Freund Wolf Biermann findet das "zum Kotzen", auch wenn er dem alten Weggefährten im SPIEGEL bescheinigte, er sei "keine Kanaille, sondern ein wunderbarer, tapferer Kämpfer".

Was treibt diesen "sturen Helden" (Biermann) in die Arme der AfD? Oder den Unternehmer Werner Molik, der 1977 für anderthalb Jahre als politischer Häftling in Cottbus eingesperrt wurde? Weshalb unterstützt Angelika Barbe, die Mitgründerin der Ost-SPD, Pegida?

Warum driftet der Umweltaktivist Michael Beleites nach rechts ab? Und weshalb ist der frühere Bürgerrechtler und heutige CDU-Politiker Arnold Vaatz zum Dissidenten in seiner eigenen Partei geworden?

"Es gibt eben keine Garantie, dass man in seinem Leben immer auf der richtigen Seite steht", sagt Marianne Birthler, die in den Achtzigerjahren eine wichtige Rolle in der DDR-Friedensbewegung gespielt hat. Die langjährige Stasi-Beauftragte befürchtet, dass jetzt der letzte Heldenmythos der Ostdeutschen beschädigt werden könnte, der Widerstand gegen das Unrechtsregime der DDR. Wer…

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Nr. 2/2018