Lesezeit 25 Min
Gesellschaft

„Was bin ich?“

Sexismusdebatte, Ehe für alle, drittes Geschlecht – hört das denn niemals auf? Die alte, bipolare Welt, in der Männer noch Männer waren und Frauen nur Frauen, ist vorbei – und was heutzutage „normal“ ist, muss neu verhandelt werden. Es wird Zeit.

HELENA LEA MANHARTSBERGER / DER SPIEGEL
von
Tobias Becker
,
Ulrike Knöfel
,
Guido Mingels
,
Juan Moreno
,
Cathrin Schmiegel
,
Barbara Supp
und
Claudia Voigt
Lesezeit 25 Min
Gesellschaft

Schon seltsam, dass sich Deutschland so fortschrittlich zeigt im Moment. Janas Eltern sind ein bisschen verwundert, aber voller Respekt. Deutschland hat einen Schub in Richtung Moderne gemacht, Deutschland ist bereit, anzuerkennen, dass es Menschen wie ihr Kind gibt.

Die Niederlande, wo sie mit Jana leben, sind noch nicht so weit.

Man sieht Jana nicht an, dass sie einer jener Menschen ist, die Dinge infrage stellen durch ihre schiere Existenz. Jana weiß es und sagt Sätze darüber, die zu klug sind für ihre elf Jahre, sie sagt: "Ich finde es blöd, dass die Leute bestimmen wollen, was normal ist und was nicht. Es gibt doch nicht nur Mann und Frau." Es gibt auch Menschen wie sie.

Jana, so soll sie auf Wunsch der Eltern hier genannt werden, sei als Junge geboren – so stand es in ihren Papieren, obwohl ihr Körper widersprüchliche Signale gibt: Der Chromosomensatz ist männlich, aber sie sah aus wie ein Mädchen. Die Ärzte begriffen ihren Zustand als Krankheit, und weil Janas Eltern ihnen und den Dokumenten glaubten, wurde das vierjährige Kind in Richtung "männlich" operiert. Jetzt ist da die Andeutung eines Penis, wo vorher keiner war.

Jana sagt: "Ich bin aufgewacht, damals im Krankenhaus, ich wurde durch einen Gang geschoben in einen grellen Raum, da standen andere Betten. Ich konnte meine Beine nicht bewegen, ich hatte Hunger, und es tat weh."

Janas Mutter sagt: "Wir konnten nicht wissen, was die Ärzte Jana antaten." Die Ärzte seien unklar geblieben, noch Monate nach den Operationen, dann sei die Diagnose gekommen: Janas Körper reagiere nicht auf männliche Hormone. Das Wort "intersexuell" sei nicht gefallen.

Keine Aufklärung, keine Hilfe, sagt die Mutter, habe sie von diesen Ärzten erhalten. "Sie erklärten nur, dass niemand darüber rede. Wer so ein Kind habe, wolle nicht, dass ein anderer das weiß."

Janas Eltern beschlossen, Jana nicht in eine Richtung zu drängen. Sie mochte Karate und Ballett, sie wechselte ihren Stofftieren die Windeln, ließ sich die Haare wachsen. Als das Kind, mit sechs Jahren etwa, nicht mehr Jungssachen tragen wollte, sondern Zopf und Kleider, redeten sie es ihm nicht aus. Als es fragte: "Bin ich nicht eigentlich ein Mädchen?", sagten sie ihm, was es ist: ein Kind mit "uneindeutigem Geschlecht".

Dass man über diese Uneindeutigkeiten spricht, das ist neu. Nun soll das Wissen darum in Gesetze gegossen werden. Im deutschen Personenstandsrecht, entschied das Bundesverfassungsgericht, muss es künftig mehr als zwei Geschlechter geben. Oder – noch kühner – die komplette Abschaffung des Eintrags "Geschlecht" (siehe Seite 21).

Das ist ein Novum in Europa. Es ist ein revolutionärer Beschluss. Er lädt dazu ein, einen Schritt zurückzutreten und neu auf scheinbar Selbstverständliches zu blicken.

Was ist denn nun weiblich, was männlich? Und welche Rolle spielt überhaupt das Geschlecht in unserer Gesellschaft? Welche Rolle spielt welches Geschlecht?

Die Geschlechterdebatte prägt diese Zeit: Es geht um Gesetze, Gerichtsentscheide, Gewohnheiten.

Ein Gesetz sagt, dass nicht mehr nur Mann und Frau einander heiraten dürfen, sondern zwei Personen "gleichen oder unterschiedlichen Geschlechts". Eine Debatte unter dem Stichwort #MeToo stellt etablierte Formen des Sexismus infrage, der sich ja gern hinter einer antiquierten Formel verbirgt: "Männer sind halt so." Und nun definiert ein revolutionärer Gerichtsentscheid die Geschlechter neu.

Jetzt weiterlesen für 1,09 €
Nr. 2/2018