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Gesellschaft

„Warum ich?“

Zwei Afghanen wurden aus Deutschland abgeschoben. Der eine vor seiner Hochzeit, der andere aus dem Gefängnis. Jetzt hadern beide mit ihrem Leben in Kabul.

JOHANNA-MARIA FRITZ / DER SPIEGEL
von
Susanne Koelbl
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Gesellschaft

Jemand musste Yaqub Sayeds Namen beliebig ausgewählt haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens festgenommen. Dabei plante Sayed in diesen Tagen gerade seine Hochzeit. "Ich dachte, jetzt habe ich es endlich geschafft", sagt er.

Die Braut, eine Deutsch-Afghanin, ist in Bayern aufgewachsen, eine entfernte Verwandte. Sie arbeitet in Nürnberg im Callcenter einer Telefongesellschaft. Im Juli wollten sie und Sayed sich auf dem Standesamt das Jawort geben.

Sayeds großer Traum vom sicheren Leben, von einer Familie ist zerbrochen an jenem 24. Januar. Er wurde abgeschoben. Jetzt lebt er im Gulsar-Hotel, einer billigen Absteige in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Der süßlich-schwere Geruch nach Müll und verdorbenen Lebensmitteln liegt in der Luft. Vor dem Gästehaus haben Händler ihre Waren auf Holzkarren aufgeschichtet, Salat und Aprikosen. Dazwischen treiben sich Schmuggler, Diebe und Kleinkriminelle herum. Der Polizeidistrikt 5 ist berüchtigt.

Ein Ort der Gestrandeten. Sayed ist nun einer von ihnen.

So wie Mohammad Sarvari, ebenfalls ein Afghane mit deutscher Migrationsgeschichte. Gut fünf Jahre lang lebte der 24-Jährige in Deutschland, bei Bitburg, und er ließ nichts aus, um sich dort unbeliebt zu machen. Sexuelle Nötigung, Diebstahl und Betrug stehen in seinem Strafregister. Die Ausländerbehörde von Rheinland-Pfalz schob Sarvari ab, obgleich SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer eigentlich die Duldung Geflüchteter vom Hindukusch verteidigt.

Die meisten der fast 170 000 Afghanen, die seit Anfang 2015 nach Deutschland geflohen sind, glauben nicht mehr an die Zukunft ihres Landes. Aber nur sehr wenige können tatsächlich nachweisen, individuell politisch verfolgt zu sein. Deshalb werden auch lediglich 0,1 bis 0,2 Prozent von ihnen als Asylberechtigte anerkannt. Immerhin 49 Prozent erhalten Schutz, zum Beispiel als Flüchtling oder weil sie aus von Extremisten beherrschten Provinzen stammen.

Alle…

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Nr. 33/2017