Lesezeit 13 Min
Politik

Warten auf ein Wunder

Aus dem Musterland des Arabischen Frühlings kommen erstaunlich viele Kämpfer des IS, auch der Attentäter von Berlin. Ein Besuch in seinem Heimatort – bei seiner Familie und verzweifelten jungen Männern.

ONS ABID / DER SPIEGEL
von
Nicola Abé
Lesezeit 13 Min
Politik

Jeden Tag sitzt Haythem Bouraoui im Café Arrabiaa und kämpft gegen das Nichts. Seit Jahren geht das schon so. Gegen elf Uhr morgens steht er auf, trinkt einen Kaffee, zieht an einer Wasserpfeife und trifft ein paar Freunde hier. Sie müssen irgendwie die Zeit totschlagen. Manchmal spielen sie Karten. Sie bleiben bis nach Einbruch der Dunkelheit. Dann gehen sie nach Hause, fernsehen.

Bouraoui hofft auf irgendetwas, ein Wunder. "Soll ich kriminell werden oder gleich Terrorist?", fragt er mit trotzigen Lippen. Er habe sich für eine dritte Variante entschieden, und die heiße "Geduld". Seine Freunde lachen. Heute sind sie zu neunt. Neun junge Männer in Jogginghosen, hellen Jeans und Kunstlederjacken, nur einer von ihnen hat einen Job, kein einziger eine Frau. Neun Männer, gefangen in einer endlosen Warteschleife des Lebens.

Das Café Arrabiaa befindet sich in Oueslatia im tunesischen Hinterland. Es ist jener Ort, aus dem Anis Amri stammt, der junge Tunesier, der auf grauenhafte Weise den IS-Terror nach Deutschland brachte, der am 19. Dezember einen Lastwagen in die Menschenmenge auf einem Berliner Weihnachtsmarkt steuerte, 12 Menschen tötete und mehr als 50 verletzte. Die Männer im Arrabiaa sind im gleichen Alter wie der Attentäter, sie kannten Amri, waren seine Freunde und Nachbarn.

Wie Amri gehören sie zu einer ganzen Generation von jungen Tunesiern, die abseits der Küstenmetropolen lebt und für die es nichts zu gewinnen gibt. Einer von ihnen, der Gemüsehändler Mohamed Bouazizi, löste Ende 2010 die Arabellion aus, als er sich in dem Ort Sidi Bouzid 200 Kilometer südlich von Tunis aus Protest selbst anzündete. Danach flohen Tausende junger Männer in Booten nach Europa in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Heute rekrutiert der "Islamische Staat" in ihren Kreisen so…

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Nr. 1/2017