Lesezeit 17 Min
Gesellschaft

Wann ist ein Mann ein Mann?

Die #MeToo-Debatte ist geprägt durch das Bild vom allseits mächtigen, sexistischen, aggressiven Mann. Aber wie wahrhaftig ist dieses Bild? Und wie soll er sein, der moderne Mann? Eine Erkundung unter Männerbewegten.

MAURICE WEISS / DER SPIEGEL
von
Jochen-Martin Gutsch
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Gesellschaft

Der ideale Mann? Das ist der "Herzenskrieger", sagt Bjørn Leimbach. Der Herzenskrieger lebt stark, frei und unabhängig sein Männerleben. Er hat eine Verbindung mit der eigenen "Kriegerenergie und seiner Herzenskraft, um für seine Visionen zu kämpfen". Ist gleichzeitig aber auch kommunikativ und einfühlsam. Ein Mischwesen also, in dem sich das Beste vom Mann von gestern mit dem Guten von heute vereint.

Leider, und da beginnt nun das Problem für Leimbach, werde dieses Männerbild kaum noch gelebt. "Der Mann ist zu weich geworden", sagt Leimbach.

Viel Herz. Wenig Krieger.

"Ich sehe es schon daran, wie die Leute hier zur Tür reinkommen. Oft kommen ja Mann und Frau gemeinsam, weil sie ein Paarproblem haben. Die Frau geht voran, selbstbewusst, stolz. Und der Mann? Trottet hinterher, Blick nach unten, Hängeschultern."

Bjørn Leimbach hat ein Büro in Düsseldorf. Er ist Psychologe, Therapeut sowie nach eigenen Angaben "Deutschlands Männercoach Nr. 1". Und man denkt: Das ist ein seltsames und sicher auch seltenes Berufsbild – der Männercoach. Wer braucht das?

Aber dann schaut man ins Internet und stößt auf eine Fülle von Angeboten für Männer, die Probleme mit ihrem Mannsein haben. Männerseminare. Männerreisen. Schwitzhütten. Maskuline Wallfahrten. "Initiationswochen ins Mannsein". Vater-Sohn-Tage. Die männliche Verunsicherung ist längst ein Geschäftsmodell.

Leimbach ist sehr groß, spricht laut und trägt Glatze. Manchmal, zur Bekräftigung seiner Thesen, schlägt er mit der Hand auf den Tisch. Er wirkt ein bisschen wie ein Drill-Sergeant. Aber einer, der es ja nur gut meint. "Männliche Aggression ist heute total verpönt", sagt Leimbach. "Erst recht seit #MeToo. Aber positive Aggression ist total wichtig für einen Mann. Also: Entscheidungen treffen, Konflikte offen ansprechen, Haltung zeigen. Die Männer sind heute übertrieben gefühlig und furchtbar ängstlich im Umgang mit Frauen."

Die Männerseminare Leimbachs stehen unter dem Motto: "Männlichkeit. Leben.". Das klingt gut. Aber was ist das heute überhaupt: Männlichkeit? Welche Attribute fallen einem da ein?

Gar nicht so einfach. Kraft? Fürsorglichkeit? Haltung? Mut? Unabhängigkeit? Aber sind das überhaupt männliche Eigenschaften? Oder nur alte Männerklischees?

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Nr. 23/2018