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Politik

„Wahnsinniger Unfug“

Ex-Finanzminister Peer Steinbrück über die Fehler seiner Partei im Wahlkampf, linksliberale Tabus und die Frage, ob er noch einmal den Stinkefinger zeigen würde

HC PLAMBECK / DER SPIEGEL
von
Veit Medick
und
Michael Sauga
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Politik

SPIEGEL: Herr Steinbrück, die SPD liegt in Umfragen nur noch knapp vor der AfD, und nun legen Sie auch noch ein Buch über das "Elend der Sozialdemokratie" vor. Geht es Ihrer Partei nicht schon schlecht genug, als dass sie nun auch noch durch die Steinbrück-Mühle gedreht werden muss?

Steinbrück: Mich treibt die Sorge um meine Partei, die im demokratischen Spektrum gebraucht wird. Das Ende des sozialdemokratischen Jahrhunderts, von dem der Soziologe Ralf Dahrendorf sprach, darf sich im 21. Jahrhundert nicht bewahrheiten. Mir geht es um die Frage, wie die SPD aus ihrer desaströsen Lage wieder herauskommt, weshalb das Buch neben einem analytischen auch einen perspektivischen Teil enthält. Die Etikettenfrage, wer sich wann zu Wort melden darf, ist in der derzeitigen Lage der SPD belanglos.

SPIEGEL: In einer Reihe europäischer Länder ist die Sozialdemokratie inzwischen weitgehend von der politischen Bühne verschwunden. Geht es auch bei der SPD um die Existenz?

Steinbrück: Die Partei kann jedenfalls nicht wie ein Fußballverein darauf setzen, einfach den Trainer auszutauschen, und dann wird alles gut. Die Krise der SPD hat tiefere programmatische, strukturelle und organisatorische Ursachen. Die Partei hat zum dritten Mal hintereinander die Bundestagswahl krachend verloren. Sie ist nicht mehr auf der Höhe der Zeit.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Steinbrück: Die Debatte in der Partei entspricht nicht mehr der Debatte in der Gesellschaft. Die Bürger fragen sich, wer ihr Leben und ihre Arbeitsverhältnisse…

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Nr. 10/2018