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Politik

Wahlkampf unter Putin

Im Kaukasus bewirbt sich eine 35-Jährige um einen Sitz in der Staatsduma – auf der Liste einer vom Kreml angefeindeten Oppositionspartei. Sie hat sogar eine Chance.

YURI KOZYREV / DER SPIEGEL
von
Christian Neef
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Politik

Eigentlich wäre in Gergebil, einem Ort zwischen den hohen Bergen des Kaukasus, jetzt Zeit zum Freitagsgebet – für die 5000 Einwohner der wichtigste Termin der Woche. Trotzdem sitzen viele von ihnen nun im Saal der Rayonverwaltung, ganz brav zu dritt hinter Tischen: vorn die Männer in Arbeitskleidung, hinten die Frauen in einfachen, langen Kleidern.

Der Rayonvorsteher hat sie zusammengerufen, es soll um die Parlamentswahl gehen, am 18. September stimmt Russland nach fünf Jahren wieder mal über seine Staatsduma ab. Das Treffen war für zehn Uhr angesetzt, nun ist es gleich halb elf, die Bauern murren, da wird endlich der verspätete Gast hereingeführt. Geraune in den Reihen.

Es ist eine hübsche Frau mit langen, blonden Haaren, schwarzem Rock, dunkelblauem Blazer und einer Goldkette um den Hals. So jemand ist nicht von hier. Die Frauen schauen skeptisch, die Männer finster. Was soll das? Sie haben genug Sorgen. Jetzt, vor der Wahl, wollen sie mit jemandem reden, der ihnen helfen kann. Aber die Frau da vorn sieht nicht so aus.

Sie wird als Julia Jusik vorgestellt, sie sei aus Moskau und kandidiere für die Staatsduma. In der ersten Reihe fragt einer der Bauern: "Von welcher Partei kommen Sie denn?"

Die Frage ist ihr sichtlich unangenehm. "Ich stehe für mich selbst, ich kämpfe in Ihrem Wahlbezirk um ein Direktmandat", antwortet sie. "Aber ich brauche technische Hilfe: Ich bekomme sie von Parnas, der Partei der Volksfreiheit des früheren…

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Nr. 37/2016