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Politik

„Wahlen sind nicht demokratisch“

Der belgische Historiker David Van Reybrouck plädiert für den radikalen Umbau des politischen Systems in Europa: Nur das Losverfahren könne die Demokratie retten.

EZEQUIEL SCAGNETTI / DER SPIEGEL
von
Tobias Rapp
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Politik

Mit Debatten hat Van Reybrouck, 44, seine Erfahrungen. „Kongo“, sein Buch über die Geschichte und Gegenwart des afrikanischen Landes, löste nach Erscheinen 2010 eine Debatte über die belgische Kolonialvergangenheit aus. Und nach der belgischen Staatskrise der Jahre 2010 und 2011, als die Parteien des Landes 541 Tage lang keine Regierung bilden konnten, war er einer der Mitorganisatoren von G1000, einem Bürgerkonvent über die Zukunft des Landes. Aus diesen Erfahrungen ist sein Buch „Gegen Wahlen“ entstanden, das nun auf Deutsch erscheint und sich liest, als wäre es ein Kommentar zum Krisensommer 2016, zwischen Brexit-Schock, Trump-Hysterie, Flüchtlingskrise und AfD-Aufstieg*. „Eigentlich hatte ich gehofft, das Buch würde nicht auf Deutsch erscheinen. Sie brauchen es nicht, dachte ich. Aber der deutsche Sonderweg, eine Demokratie ohne Populisten, scheint wohl zu Ende zu gehen“, sagt Reybrouck zur Begrüßung.

Das Buch

* David Van Reybrouck: „Gegen Wahlen. Warum Abstimmen nicht demokratisch ist“. Wallstein, Göttingen; 200 Seiten; 17,90 Euro.

SPIEGEL: Herr Van Reybrouck, immer mehr Menschen in den westlichen Demokratien scheinen das Gefühl zu haben, dass ihnen nicht zugehört wird, und wenden sich den Populisten zu. Sie machen nun einen radikalen Vorschlag: Das Losverfahren könne die Demokratie retten. Was ist falsch an Wahlen?

Van Reybrouck: Nichts. Ich habe nichts gegen Wahlen und auch nichts gegen Volksabstimmungen.

SPIEGEL: Aber?

Van Reybrouck: Wir töten die Demokratie, wenn wir sie auf diese archaischen Verfahren reduzieren. Schauen Sie sich…

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Nr. 31/2016