Lesezeit 23 Min
Kultur

„Vorwurf ist das falsche Wort“

Martin Walser und Jakob Augstein haben zusammen ein Gesprächsbuch gemacht – es umkreist die entscheidende Frage: das Verhältnis des Vaters zu seinem Sohn.

MAURICE HAAS / DER SPIEGEL
von
Volker Weidermann
Lesezeit 23 Min
Kultur

Der Sohn war fast vierzig Jahre alt, der Vater fast achtzig, als sie sich zum ersten Mal trafen. Es war in einem Hotel in München, der Sohn saß in der Halle und wartete, der Vater kam die Treppe herunter. "Ich fand, dass du sehr groß bist", erinnert sich der Sohn. "Und ich fand dich mir ähnlich", der Vater.

Das ist mehr als zehn Jahre her. Der Sohn heißt Jakob Augstein, er wuchs im Glauben auf, der Sohn des SPIEGEL-Gründers Rudolf Augstein zu sein. Der Vater ist Martin Walser.

Jetzt sind wir hier am Bodensee, bei den Walsers zu Hause in Nußdorf. Nicht weit von hier, in Wasserburg, ist Walser aufgewachsen. Jakob Augstein in Hamburg, fern von hier. Ein blauweißer Herbsttag. Die tief stehende Sonne lässt den See leuchten.

Die beiden haben sich in den vergangenen zwölf Monaten regelmäßig in München und hier getroffen, um sich zu unterhalten, für ein gemeinsames Buch, ein Gesprächsbuch(*). Es sind vor allem Fragen des Sohnes an den Vater. Eine Art nachgeholtes Kennenlernen. Ein Sohn will wissen: Wo komme ich her? Was ist meine Geschichte? Was für ein gemeinsames Leben haben wir verpasst? Augstein ist in diesem Buch ein neugierig Fragender, ein Urteilender, ein Bestärkender, ein Neidender und am Ende einer, der mit seinen wichtigsten Fragen doch allein bleibt. Vielleicht alleine bleiben muss.

Es ist später Vormittag. Ein großes Haus, großes Entree, man geht zunächst einige Stufen hinab zum Wohnzimmer, Esszimmer, Küche, See. Walsers Ehefrau Käthe begrüßt uns herzlich, die Tochter Johanna ist auch da. Wir setzen uns zunächst zu einem "zweiten Frühstück" an den Tisch. Gemüselasagne, Salat, Schinken und Käse, dazu ein Crémant aus dem Elsass, der vom Weingut des Verwandten einer einst von Walser literarisch verewigten Figur stammt. "In diesem Haus hat alles eine literarische Bedeutung" sagt Martin Walser. Er sitzt neben seiner Frau. Öfter fallen ihm im Gespräch Namen nicht ein, dann umfasst er mit der Hand den Unterarm seiner Frau und sagt: "Na, wie heißt der? Sag doch."

Später zitiert er zwei Gedichtzeilen von Brecht, "Darum sei der Zöllner auch bedankt / Er hat sie ihm abverlangt", die waren ihm am Morgen eingefallen, als er über ihr gemeinsames Buch nachgedacht hatte. Und über seine Dankbarkeit, dass ihn der Sohn zu dieser Erinnerungsarbeit sozusagen gezwungen hatte.

Augstein sucht sogleich im Internet nach dem ganzen Text des Gedichts. Walser sagt, das sei ganz unmöglich, das Gedicht dort anhand dieser Zeilen zu finden. Augstein findet es sofort, liest es vor. Es passt dann aber irgendwie nicht wirklich zu der Situation der beiden. Laotse und der Zöllner. Der plötzliche Sohn. Der plötzliche Vater.

Wir gehen in Martin Walsers Arbeitszimmer. Zwei Treppen hinauf, weiße Treppenschoner, Walser-Büste, Walser-Plakate. Oben im Zimmer dann eine große Fensterfront mit Blick über den strahlenden See. Sein Schreibtisch, ein helles Sofa, zwei Sessel. Walser, im rosa-grau gestreiften Hemd, nimmt auf dem Sofa Platz. Augstein auf dem Sessel gegenüber. Die beiden wirken vertraut und distanziert zugleich, zugewandt und vorsichtig.…

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Nr. 48/2017