Lesezeit 16 Min
Politik

„Von meiner Sorte verträgt die Partei bestenfalls zwei“

Erhard Eppler ist seit 60 Jahren in der SPD, oft stand er im Widerspruch zu ihrer Linie. Wer, wenn nicht er, könnte erklären, warum es der Sozialdemokratie heute so schlecht geht?

MATTHIAS SCHMIEDEL / DER SPIEGEL
von
Sebastian Hammelehle
und
Martin Doerry
Lesezeit 16 Min
Politik

Er gilt als einer der großen alten Männer der deutschen Sozialdemokratie: Vor 60 Jahren, im Januar 1956, ist Erhard Eppler in die Partei eingetreten, er nahm schon früh Positionen ein, die heute eher von den Grünen vertreten werden, und kämpfte jenseits der sozialdemokratischen Denkmuster für die Verbesserung dieser Welt, sei es in der Afrikapolitik, im Umweltschutz oder in der Friedensbewegung. Von 1968 bis 1974 war er Entwicklungshilfeminister in Bonn, danach zweimal – erfolgloser – Spitzenkandidat der SPD in Baden-Württemberg. Eppler hat eine Menge Niederlagen einstecken müssen, auch und gerade gegen Helmut Schmidt, seinen großen Antipoden. Und doch steht sein Name für eine Zeit, in der seine Partei die Republik mehr geprägt hat als jemals zuvor (und danach). Eppler wird im Dezember 90 Jahre alt und hat vor Kurzem seine Memoiren vorgelegt(*). Geschrieben hat er das Buch in seinem Haus auf dem Friedensberg in Schwäbisch Hall, in das er 1935 mit seinen Eltern eingezogen war. Wer ihn dort besucht, wird in ein Wohnzimmer geführt, in dem einfache Korbmöbel und bunte Sofas stehen – der bescheidene Wohlstand eines ebenso gottesfürchtigen wie kampfeslustigen Bildungsbürgers, den sein Fraktionschef im Bundestag, Herbert Wehner, einst als "Pietcong" verspottet hatte.

Das Buch

* Erhard Eppler: „Links leben. Erinnerungen eines Wertkonservativen“. Propyläen Verlag, Berlin; 336 Seiten; 22 Euro.

SPIEGEL: Herr Eppler, in Ihrem Buch findet sich am Ende ein Satz, den Sie uns erklären müssen: "Mir gefiel es in der SPD, weil die meisten ganz anders waren als ich." Was unterscheidet Sie von den anderen?

Eppler: Das begann bei meinem Eintritt in die SPD in der Arbeiterstadt Schwenningen, wo es damals, 1956, noch an die 80 Uhrenfabriken gab. Da, am Rande des Schwarzwalds, lernte ich erst ein richtiges Arbeitermilieu kennen, und zwar ein stolzes. Die haben mir noch erzählt, wie sie sich mit der SA gerauft hatten und gelegentlich auch mit den Kommunisten. Auch später war es immer so, dass ich die meiste Sympathie für Leute…

Jetzt weiterlesen für 0,97 €
Nr. 10/2016