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Vergessene Generation

Defekte Festplatten, unlesbar gewordene Dateien, nicht mehr auffindbare Bilder: Die Digitalisierung bedroht das Gedächtnis der Menschheit. Wie lässt sich der globale Datenzerfall aufhalten?

LUCAS WAHL / DER SPIEGEL
von
Guido Kleinhubbert
und
Hilmar Schmundt
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Spitzbergen, fauchendes Schneegestöber, fast so kratzig wie ein Sandstrahler. Das Thermometer zeigt zehn Grad unter null. Rune Bjerkestrand, ein Mann kurzer Sätze, springt in ein Transporttaxi. Vor ihm auf der Fußmatte liegt ein geladenes Gewehr. Zu dieser Waffe greift der Taxifahrer, wenn ein Eisbär den Wagen attackiert. Die Straße windet sich die Berge hinauf, vorbei an Straßenschildern, die vor den Raubtieren warnen. Nach 20 Minuten erreicht der Ingenieur einen geheimnisvollen Ort, an dem er gegen das Vergessen kämpft.

Bjerkestrand parkt vor einer halb eingeschneiten Baracke, dem Eingang zur »Grube 3«, in der einst Kohle gefördert wurde. Dann setzt er einen gelben Bauhelm auf und öffnet eine Stahltür, hinter der es ins Dunkel geht.

Eiskristalle glitzern an den Wänden, Atem dampft im Strahl der Stirnlampe, die Stiefel knirschen auf den Schienen, über die einst das schwarze Gold auf Loren nach draußen gefahren wurde. Bjerkestrand betritt einen Überseecontainer mit eingebauter Tür, schließt auf und geht zu einem Regal, in das er einen flachen Plastikbehälter legt, den er mit seinem Flugzeug aus Oslo mitgebracht hat.

Der Ingenieur und seine Kollegen haben diesen abgeschiedenen und katastrophensicheren Ort auf dem arktischen Archipel nicht ausgesucht, um altägyptische Papyri, chinesische Mingvasen oder andere Kostbarkeiten aus den vergangenen Jahrhunderten einzulagern. Es werden hier auch keine Goldschätze oder Teile des Bernsteinzimmers verwahrt, sondern Artefakte, die viel komplexer, anfälliger und potenziell wertvoller sind: Daten.

Deren Verletzlichkeit betrifft nicht nur Verwaltungen, Forschungseinrichtungen oder Archive, sondern inzwischen alle Institutionen und Menschen, die mit digitaler Technik befasst sind. Auch in den Schubladen deutscher Privathaushalte lagern Millionen USB-Sticks, CD-Roms, alte Handys oder andere Speichermedien voller Familienfotos, Urlaubsvideos und weiterer digitaler Schätze, die unwiederbringlich verloren gehen könnten.

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Datenretter Nesbat-Geith: »Ich kann eine Menge«

Drohender Datenzerfall ist eines der großen ungelösten Probleme der digitalen Gesellschaft – auch wenn es bislang kaum im öffentlichen Bewusstsein angekommen ist. Laut einer Studie legen 30 Prozent der Verbraucher keine Sicherheitskopien ihrer Daten an. Dabei ist es nicht die Frage, ob Computer, Tablets oder Smartphones einmal den Dienst quittieren, sondern wann.

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Nr. 26/2018