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Wirtschaft

Unternehmen Weltspitze

In Berlin sind Start-ups bereits ein Wirtschaftsfaktor, auch im Rest der Republik tut sich was. Das ist dringend nötig: Um nicht den Anschluss zu verlieren, braucht Deutschland mehr Gründer – und mehr Mut, mehr Geld, mehr Lust am Risiko.

FLORIAN GENEROTZKY / DER SPIEGEL
von
Martin Hesse
,
Armin Mahler
und
Ann-Kathrin Nezik
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Wirtschaft

Nikolai Ennslen und Andrija Feher halten nichts von falscher Bescheidenheit. Als die beiden Studenten beschlossen, ein Unternehmen zu gründen, war klar: Es sollte groß werden, richtig groß. "The sky is the limit", sagt Ennslen heute, sieben Jahre später.

Da ist noch Luft nach oben. Vor Kurzem zogen sie mit ihrem Unternehmen Synapticon und 45 Mitarbeitern in eine neue Firmenzentrale in Schönaich bei Stuttgart. In einem nüchternen Zweckbau entwickeln sie hier intelligente Steuerungssysteme für Roboter. Ihr Ziel, so sagen es Ennslen und Feher: "Synapticon inside" soll für die Robotik so selbstverständlich werden wie "Intel inside" für Computer.

Ist das Größenwahn? Oder genau der Gründergeist, den das Land dringend braucht?

Schönaich liegt in einer Region, in der einst Robert Bosch und Gottlieb Daimler Unternehmen gründeten, die noch immer das Land und seine Bewohner prägen: Wer in Stuttgart studiert, strebt meist einen sicheren Job "beim" Daimler oder Bosch an, wie man hier sagt. Oder bei einem der vielen "Hidden Champions", den mittelständischen Maschinenbauern, die in ihrer jeweiligen Nische den Weltmarkt beherrschen.

Neue Weltmarktführer aber sucht man hier vergebens. Dabei würden sie dringend gebraucht.

"Wir Deutschen waren mal sehr gut im Gründen, aber das ist 150 Jahre her", sagt Ennslen, 33. Das Land sei "softwaremäßig unterentwickelt", ergänzt sein Partner Feher, es sei zur falschen Zeit erfolgreich gewesen. Erfolg mache satt.

Die Diagnose deckt sich mit dem Befund von Dietmar Harhoff, der den Verlust des Gründer-Gens allerdings nicht ganz so weit in der Vergangenheit ansiedelt. "Die Bereitschaft und die Fähigkeit zum Selbstständigsein haben wir irgendwann nach der Grundig-Nixdorf-Generation verlernt", sagt Harhoff, Direktor am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb in München.

Das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit brachte Unternehmerpersönlichkeiten wie Max Grundig oder den Computerpionier Heinz Nixdorf hervor. Danach kam nicht mehr so viel.

Noch ist die deutsche Wirtschaft stark, aber sie lebt von der Substanz. Ihre Stärke liegt in der stetigen Verbesserung von Produkten und Technologien, sie baut die besten Autos und die besten Maschinen. So konnte sie lange Zeit verbergen, dass ihr etwas Grundlegendes fehlt: Innovationskraft. Die Fähigkeit, ganz Neues zu schaffen: neue Technologien, neue Produkte und neue Geschäftsmodelle.

Innovationen kommen selten aus großen Konzernen mit hierarchischen Strukturen, wo jeder sich absichert. Innovationen brauchen Freiräume – und Mut. Deshalb gedeihen sie am besten in jungen Unternehmen, die wenig zu verlieren, aber alles zu gewinnen haben, und in Regionen, die ihnen für ihr Wachstum das geeignete Ökosystem bieten – viel Kapital inklusive.

So sind in den USA in den…

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Nr. 12/2017