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Unter Wasser

Eine Studie zeigt: Ein Fünftel der Deutschen glaubt, eine Depression lasse sich mit Schokolade heilen. Die richtige Hilfe zu finden ist für Betroffene ein Glücksspiel. Wann fangen wir endlich an, die Krankheit ernst zu nehmen?

MARIA IRL / DER SPIEGEL
von
Veronika Hackenbroch
und
Kerstin Kullmann
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Im Sommer 2009 steht Robert Enke, Bundesligatorwart und Mitglied der deutschen Fußballnationalmannschaft, in der Küche seines Hauses in Empede und sagt zu seiner Frau Teresa: "Ich kann nicht mehr, ich möchte nicht mehr leben."

Kurze Zeit später muss Enke zu einem Trainingslager nach Köln. Seine Frau macht sich Sorgen. Sie versucht immer wieder, ihn auf dem Handy zu erreichen. Erst am Abend geht er ran. Sie erinnert sich an das Gespräch:

"Wo warst du? Ich habe überall angerufen!"

"Ich bin durch Köln gefahren."

"Was hast du da gemacht?"

"Ich hab mal geguckt, wo man sich umbringen kann."

"Spinnst du? Was erzählst du mir da?"

"Na ja, ich stand auch auf der Brücke und hab da mal runtergeguckt."

"Und was soll ich jetzt machen? Ich sitze in Hannover und du in Köln."

"Ich fahre zurück ins Hotel."

"Kann ich mich darauf verlassen? Wirklich?"

"Ja. Wirklich."

Hilfe finden

Auch wenn Depressiven ihre Situation meist aussichtslos erscheint, ist sie das in Wahrheit nicht. Auch in akuten Fällen gibt es Hilfe. Die Telefonseel - sorge bietet anonyme und vertrauliche Beratung rund um die Uhr unter den gebührenfreien Telefonnummern 0800 111 01 11 und 0800 111 02 22 sowie unter www.telefonseelsorge.de

Sie legen auf.

Und dann?

"Was hätte ich da machen sollen? Ich musste ihm vertrauen."

Sie hat ihm vertraut. Und Robert Enke hat ihr vertraut. An diesem Abend ging es gut.

Acht Jahre später sitzt Teresa Enke, 42, in einem Konferenzraum in Barsinghausen bei Hannover. Zum Treffen trägt sie schwarze Jeans, ein schwarzes Oberteil. Doch jetzt, nach all der Zeit, denkt man nicht mehr: Trauer. Enke redet klar, aufgeräumt, ruhig.

Sie ist die Vorstandsvorsitzende der Robert-Enke-Stiftung, die kurz nach dem Tod ihres Mannes gegründet wurde. Seitdem klärt die Stiftung, klärt Teresa Enke darüber auf, dass die Depression eine Krankheit ist, die man behandeln kann, mit Therapie, mit Medikamenten. Die man behandeln soll. Sonst kann es tödlich enden. So wie bei Robert Enke.

Eines Tages, erzählt Enke, habe ihr Mann gesagt, dass es mehr Presserummel gebe, wenn er in eine Klinik gehe.

"Mehr Rummel, als wenn was?"

"Als wenn ich mich umbringe."

Teresa Enke beugt sich in ihrem Stuhl nach vorn, sie betont jetzt jedes einzelne Wort. Sie sagt: "Er hat wirklich gedacht, alles wäre vorbei, wenn er sich outet. Dass Sterben besser sei." Es war damals erst wenige Monate her, dass die beiden ein kleines Mädchen adoptiert hatten.

Seit Teenagertagen waren Robert und Teresa ein Paar. Eng, eingespielt, vertraut. Drei depressive Episoden, sagt Teresa Enke, hätten sie zusammen überstanden. Die vierte nicht.

Am 10. November kann sie ihren Mann mal wieder nicht am Telefon erreichen. Sie ist wütend, verzweifelt. Sie denkt: "Das war das letzte Mal, dass ich mir solche Sorgen mache." Da weiß sie noch nicht, dass Robert Enke am frühen Abend auf die Bahngleise bei Eilvese getreten ist und nicht mehr lebt.

In diesem Herbst 2009 haben viele Menschen in Deutschland das erste Mal aufgehorcht und vielleicht auch verstanden, dass die Depression eine Krankheit ist. Wenn ein Athlet, ein Mitglied der Nationalmannschaft, ein Torwart zumal, der die allerstärksten Nerven braucht, der Depression zum Opfer fällt, dann hat er nicht mal eben einen schlechten Tag. Dann muss das was Ernstes sein.

Es ist etwas Ernstes. Trotzdem begreifen viele…

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Nr. 11/2018