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Wirtschaft

Unter Geiern

Getrieben vom rasenden technologischen Wandel, muss Siemens-Chef Joe Kaeser Europas größten Hightech-Konzern zukunftsfähig machen. Sonst droht die Zerschlagung.

FLORIAN GENEROTZKY / DER SPIEGEL
von
Dinah Deckstein
und
Konstantin von Hammerstein
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Wirtschaft

Es ist nur ein Spiel. So wie die Gladiatorenkämpfe im alten Rom auch nur Spiele waren. Am Ende aber lag der Verlierer tot im Staub.

Du musst nach oben, das ist die Aufgabe. Es gibt zwei Kurven, die eine läuft aus, die andere beginnt. Du sitzt auf der einen, aber es ist unklar, auf welcher. Geht sie weiter hoch, oder hast du den Höhepunkt schon hinter dir? Du weißt es nicht, aber noch kannst du wechseln. Wenn du merkst, dass du auf der falschen sitzt, ist es zu spät. Es geht nur noch bergab.

Joe Kaeser malt eine Kurve in die Luft, dann lässt er seine Hand steil nach unten segeln. Das war’s, du hast verloren. Zweite Person Singular. In Kaesers Erzählungen wird immer geduzt, auch die Kanzlerin. Er stammt aus Niederbayern.

Der Siemens-Chef lehnt sich zurück. Ein langer Tag liegt hinter ihm, die Konzernzentrale in der Münchner Innenstadt hat sich längst geleert, doch sein weißes Hemd ist immer noch so makellos gestärkt, als hätte er es gerade aus der Reinigung geholt. Hinter ihm hängen zwei mannshohe Fotos an der Wand. Meereswellen, so blau wie sein Schlips. „Passt“, sagt er, „bewegte See, aber nicht stürmisch.“

Man kann sich Kaesers Arbeit so vorstellen: Als Vorstandschef muss er Wetten auf die Zukunft abschließen. Braucht die Welt in zehn Jahren große Gasturbinen oder kleine? Riesige Stromtrassen oder lokale Netze? Was bleibt, was wird bald verschwinden?

Mag sein, dass es nur ein Spiel ist, aber verlieren darfst du es nicht. „You have to hedge your bets“, sagt Kaeser, der Englisch in einer dezidiert niederbayerischen Variante spricht. Man muss

seinen Einsatz absichern. Alles auf das wahrscheinliche Ergebnis setzen, und „für den unwahrscheinlichen Fall, dass es anders kommt, braucht man immer einen Plan B“.

Während Kaeser, 58, doziert, entfaltet sich unter dem Besprechungstisch ein Schauspiel, das nach einem anderen Skript abläuft. Seine schwarzen Schuhe scheinen sich selbstständig gemacht zu haben, sie sind rastlos in Bewegung. Trippelschritt links, Trippelschritt rechts, dann ein hochfrequentes Wippen zu einem unhörbaren, rasend schnellen Beat. Können Füße lügen?

Dass der Chef eines riesigen Elektrokonzerns unter Strom steht, ist ein Kalauer und zugleich eine Binse. Natürlich steht er unter Strom, was denn sonst? 33 Jahre lang hat er sich nach oben gekämpft, am Schluss stand nur noch sein Vorgänger im Weg. Seit August 2013 sitzt er da, wo er immer schon hinwollte, doch nun haben sich die Rollen vertauscht. Der Jäger ist zum Gejagten geworden.

Kaesers Weltreich ist ein verletzlicher Riese. 168 Jahre alt, 348 000 Mitarbeiter in 195 Ländern, 76 Milliarden Euro Umsatz, 7,4 Milliarden Euro Gewinn. Siemens verkauft Automatisierungssoftware, U-Bahnen,…

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Nr. 49/2015