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Gesellschaft

United States of Heroin

Eine nie da gewesene Drogenepidemie hat die ländliche US-Mittelschicht erfasst, Millionen sind abhängig von Heroin und Opioiden. Aus angeblich harmlosen Schmerzmitteln wurde ein nationaler Notstand. In Huntington, der Heroinhauptstadt, ist jeder Vierte süchtig.

ANDREW SPEAR / DER SPIEGEL
von
Johann Grolle
,
Philipp Oehmke
und
Christoph Scheuermann
Lesezeit 22 Min
Gesellschaft

Doktor Hershel Jick hatte eine große Wissenschaftlerkarriere hinter sich, als ihn vor gut zehn Jahren eine Vorladung von einem Gericht in Kentucky erreichte. Darin stand, das Gericht wolle ihn als Zeugen in einem Prozess gegen einen Pharmahersteller laden. Es ging um Opioide, Schmerzmittel und Sucht. Opioide? Sucht? Kentucky?

"Ich hatte keine Ahnung, was das mit mir zu tun haben könnte", sagt Jick und lässt sich im Arbeitszimmer seines Hauses bei Boston in einen Plüschsessel sinken, der schon bessere Tage gesehen hat.

Hershel Jick ist heute 85 Jahre alt und hat sein Leben als Epidemiologe verbracht. Er untersuchte, was Menschengruppen und Gesellschaften krank macht. Jahrzehntelang hat er die erste Datenbank zur Arzneimittelsicherheit geleitet, weltweit, Tausende Patienten darin erfasst und nach versteckten Gesetzmäßigkeiten gefahndet. Er prüfte, ob es einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus gibt oder ob Aspirin vor Herzinfarkten schützt. Hick war eine Koryphäe. Was also wollten die in Kentucky von ihm?

In der Verhandlung ging es um einen damals neuen, mysteriösen Feind, ein Schmerzmittel namens Oxycontin, das in Wirklichkeit eine Art synthetisches Heroin war. Von Hunderttausenden Süchtigen war die Rede, deren Zahl weiter rasant wuchs. Der Prozess handelte von den Anfängen der größten Heroinschwemme, die die USA je erlebt haben, einer Plage, die inzwischen pro Tag an die hundert Todesopfer fordert. Ebenso viele Amerikaner sterben bei Verkehrsunfällen. Es ist eine Gesundheitskatastrophe, die seit dem Jahr 2000 rund 300 000 Menschen das Leben gekostet hat. Die Verwüstungen, die die Drogenwelle über manche Gegenden gebracht hat, waren womöglich mitschuldig daran, dass 2016 ein Kandidat namens Donald Trump zum Präsidenten gewählt werden konnte.

Der Richter fragte Hershel Jick nach einem Brief mit einem wissenschaftlichen Befund, den Jick Jahrzehnte zuvor, 1980, an das "New England Journal of Medicine" geschickt hatte. Dieser Brief hatte nur aus fünf Sätzen bestanden, die Überschrift lautete: "Sucht selten unter mit Narkotika behandelten Patienten". Heute sagt Jick: "Diese verdammten fünf Sätze. Ich wünschte, ich hätte den Brief nie abgeschickt."

Damals hatte ihn nur kurz interessiert, ob und wie Schmerzmittel süchtig machen, keine große Sache. In seiner Kartei fand er 11 882 Patienten, denen Morphiumpräparate verabreicht worden waren. Nur vier von ihnen waren den Akten zufolge süchtig geworden. Diese Erkenntnis sandte Jick an die Fachzeitschrift, die sie in ihrer Rubrik "Letters" publizierte, wo solche wissenschaftlichen Kurzmitteilungen regelmäßig stehen. Damit war die Sache für ihn erledigt.

Er erfuhr nichts davon, dass Jahre später, Ende der Neunziger, Marketingexperten eines kleinen Pharmaherstellers namens Purdue auf seinen Befund stießen und darin fanden, was sie brauchten. Purdue wollte ein opiatartiges Medikament namens Oxycontin als Wundermittel gegen alle Arten von Schmerzen auf den Markt drücken. Jicks Brief schien zu belegen, dass…

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Nr. 33/2017