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Kultur

Und am Ende nur Gewalt

Unterwegs mit Feridun Zaimoglu in Istanbuls „Siebentürmeviertel“, Schauplatz seines neuen Romans, Geburtsort seines Vaters, Gegenwelt zu Erdoğans großtürkischen Fantasien

CHARLOTTE SCHMITZ / DER SPIEGEL
von
Volker Weidermann
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Da steht er, ganz in Schwarz, Ray-Ban-Brille, Menthol-Marlboro im Mundwinkel, schwarzes, leicht grau schimmerndes Haar, vor dem alten, baufälligen Haus aus Holz. Weiße Vorhänge vor allen Fenstern. Ja, hier wohnt noch jemand. Das Haus ist hundert Jahre alt, viele Nachbarhäuser sind in sich zusammengebrochen. Irgendwann gibt das Holz nach. "Hier ist es", sagt Feridun Zaimoglu. "Hier beginnt die Geschichte. Die Geschichte meines Vaters, die Geschichte von Wolf. Ich habe mich in ihn verwandelt, in die Hauptfigur meines Romans. Wolf ist mein Vater, Wolf bin ich. Es ist meine Geschichte."

Feridun Zaimoglu, der Schriftsteller, der seit vielen Jahren in Kiel lebt, kam 1964 im anatolischen Bolu auf die Welt, sein Vater ging kurz nach seiner Geburt nach Deutschland, wo er in Berlin in einer Metallfabrik Gitterstäbe zusammenlötete, die Mutter zog mit dem Säugling Feridun ins Siebentürmeviertel in Istanbul, lebte mit zweien ihrer Brüder und ihrem Schwiegervater wenige Meter von jenem alten Holzhaus entfernt in einem geduckten Haus aus meterdickem Stein. Anderthalb Jahre später folgten Mutter und Sohn dem Vater nach Deutschland.

Jetzt hat Zaimoglu, Erfinder der Kanak-Sprak, Chronist der Außenseiter, Maler, deutscher Dichter, einer der großartigsten, die wir haben, der im Jahr 2006 mit dem großen Roman "Leyla", der in Teilen das Aufwachsen seiner Mutter in der archaischen Lebenswelt der anatolischen Provinz beschreibt, sein bislang bestes Buch geschrieben hatte, eine Art Geschwisterbuch zu "Leyla" geschrieben. "Siebentürmeviertel" heißt es, es ist der Roman dieses Viertels, es ist der Roman der Kindheit und Jugend seines…

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Nr. 34/2015