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Gesellschaft

Um Himmels willen

Für manche Flüchtlinge ist das Kirchenasyl die letzte Hoffnung. Nun urteilt ein Gericht, ob der Staat sie nicht doch abschieben darf.

DIRK BRUNIECKI / DER SPIEGEL
von
Annette Bruhns
und
Jan Friedmann
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Gesellschaft

Nach vorn hinaus, entlang der Ludwigstraße, sitzen die Studenten im Straßencafé und genießen die Sonne. Auf der anderen Seite des Areals, im Englischen Garten, flanieren die Spaziergänger. Dazwischen lebt Raad Jumaah Geigo, mitten in München und doch getrennt vom Rest der Welt.

Der junge Mann aus dem Irak, 20 Jahre alt, wohnt in der Bruderschaft der Jesuiten in der Münchner Kaulbachstraße. Er hat ein Zimmer mit Schreibtisch, Waschbecken und knarrendem Parkettboden. Wenn ihm langweilig ist, kann er in den Gemeinschaftsraum, die Bibliothek oder den Garten gehen. Weiter nicht – Geigo lebt im Kirchenasyl. Verließe er das Grundstück, könnte er festgenommen und nach Bulgarien abgeschoben werden.

Er hätte es schlechter treffen können. Geistliche und Studenten bringen ihm viermal pro Woche Deutsch bei. Sein Bruder Nazaar arbeitet als Hausmeistergehilfe in der Hochschule für Philosophie, die dem Kolleg der Jesuiten angegliedert ist. Und um alles Organisatorische kümmert sich ein Betreuer, Dieter Müller vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst.

Bis in den Juni muss Geigo noch ausharren. "Dann ist Bulgarien passé", sagt Müller.

Dann hat die Kirche mal wieder gewonnen und der Staat verloren, der Geigo nach Bulgarien zurückschicken will. Es ist ein alter Konflikt, das Kirchenasyl hat eine lange Geschichte, aber er ist aktueller denn je. 1561 Fälle zählte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) im vergangenen Jahr. 330 waren es schon in den…

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Nr. 17/2018