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Sport

Tragische Nächte

Fußball ist Kitt für die Nation und Motor der Wirtschaft. Wie ein stolzes Land leidet, das zuschauen muss, während andere feiern.

PAOLO MARCHETTI / DER SPIEGEL
von
Walter Mayr
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Als Toni Kroos kurz vor Spielschluss den Ball zum 2:1 ins schwedische Tor zwirbelt, wird hoch im Norden Italiens ein letztes Mal gejubelt. Dutzende Männer im Trikot mit dem Bundesadler auf der Brust brüllen ihre Erleichterung in den Abendhimmel, und die Kellnerin muss flitzen.

Im Biergarten der Brauerei Forst nahe Meran ist es an diesem Tag, als hätte Joachim Löws Truppe ein Heimspiel: Hier regiert der harte Kern des DFB Fanclubs Südtirol. Die Burschen um Diego Schatzer sind zwischen Brennerpass und Lampedusa die Einzigen mit italienischem Pass, die zumindest anfangs noch Grund zum Feiern haben – alle anderen Italiener leiden unter der ersten WM seit 60 Jahren, bei der die Squadra Azzurra fehlt.

Nicht nur im italienisch besiedelten Teil Bozens, in den Bars rund um das faschistische Siegesdenkmal, sondern unter den Fußballanhängern im ganzen Land herrscht Begräbnisstimmung.

Eine Fußball-WM ohne Italien? Das ist "eine Katastrophe, so undenkbar wie ein Formel-1-Grand-Prix ohne Ferrari", sagt Claudio Gentile, WM-Held von 1982. Und der fünfmalige Welttorhüter Gianluigi Buffon, Finalsieger 2006, verkündete bereits nach dem Ausscheiden in der Relegation gegen Schweden, er würde am liebsten während des ganzen WM-Turniers "mit einem Schnorchel unter Wasser bleiben" – um erst am Ende wieder aufzutauchen.

Was fußballverrückte Italiener in diesen Sommertagen 2018 vermissen: die Stimme des legendären Rai-Radioreporters Francesco Repice und die…

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Nr. 27/2018