Lesezeit 28 Min
Gesellschaft

Tod in Berlin

Während einer Weltreise besucht ein kalifornisches Paar den Berliner Technoklub Berghain. Dort stirbt die Frau an einer Drogenvergiftung. Niemand scheint verantwortlich zu sein. Ein Mensch verschwindet einfach.

ROBERT GALLAGHER / DER SPIEGEL
von
Alexander Osang
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Gesellschaft

Jennifer und Carlo waren in Lima, als sie das erste Mal vom Berghain hörten. Daniel erzählte davon, der Deutsche, den sie dort kennenlernten. Das ist jetzt fast ein Jahr her. Peru war die zweite Station auf ihrer Weltreise. Jennifer hatte eine Auszeit gewollt. Sie war Anwältin einer großen Kanzlei in Los Angeles, spezialisiert auf Prozessrecht. Sie verdiente Hunderttausende Dollar im Jahr, mochte die Arbeit in der Großkanzlei aber nicht. Es war wie Fließbandarbeit. Sie sprang aus dem System. Erst mal für ein Jahr.

Carlo arbeitete tagsüber ein bisschen für das Start-up, das er mit seinem Bruder in Los Angeles betrieb, Jennifer schrieb an einem Roman, der im Finanzmilieu spielte. Sie zeigte Carlo nicht, was sie schrieb. Es war ihm egal, ob das Buch jemals veröffentlicht werden würde oder nicht. Er wollte nur, dass Jennifer glücklich ist.

Der Plan der Eheleute war: Luft holen, ein Jahr lang, bevor sie eine Familie gründen würden. Sie waren seit vier Jahren verheiratet. Sie hatten eine gemeinsame Wohnung. Sie wollten ihr Leben, wie es in Amerika heißt, auf die nächste Stufe heben. Die Entfernung und die Zeit sollten klären, wie es weitergehen könnte. Kinder, vielleicht ein Haus am Strand.

Jennifer war 29 Jahre alt, Carlo 36.

Die Europa-Etappe sollte in Südfrankreich beginnen. Zwei Wochen Nizza, Cannes, Marseille, von dort wollten sie nach Kroatien oder Griechenland, dann nach Ibiza, für drei Nächte. Dann zurück nach Südamerika. Kolumbien diesmal. Das war der Plan. Daniel, der Deutsche aus Lima, sagte: Wenn ihr schon in Europa seid, dann müsst ihr auch nach Berlin. Auf einer Weltreise muss man das Berghain gesehen haben, den berühmtesten Klub der Welt.

Sie riefen Rob an. Einen Kumpel von Carlo, der die europäische Zentrale eines großen amerikanischen Verpackungsmittelkonzerns leitete. Rob lebte seit einiger Zeit in Holland und kannte sich in Europa aus.

Berlin, sagte Rob, steht ganz oben auf der Liste.

Der "New Yorker" schrieb, dass das Berghain für Berlin so etwas ist wie das Fenway für Boston. Cool, ikonisch, richtig. "Und dennoch irgendwie underground und insofern ein Mikrokosmos von Berlin", erklärte der "New Yorker". Der Autor beschrieb seinen amerikanischen Lesern eine düstere, neblige und verruchte Bunkerwelt, von der ein US-Hockey-Dad wie er "sich nicht vorstellen konnte, sie jemals erleben zu wollen".

Carlo war kein amerikanischer Hockey-Dad, Jennifer keine Soccer-Mom. Noch nicht. Die Flüge waren günstig. Easy Jet. Nizza – Berlin kostete 80 Euro. Die Welt war klein für Jennifer und Carlo.

Rob, ihr kalifornischer Freund aus Holland, buchte ein Hotel in Charlottenburg. Rob ist schwul. Jennifer und Carlo hatten das Gefühl, die einzigen heterosexuellen Gäste in diesem Hotel zu sein. Es passte zu ihrem Berlin-Gefühl, ihrem Besuch in einer anderen, einer freieren Stadt, in der jeder lebt, wie er will.

Sie landeten am 21. Juni, abends. Es war ein Mittwoch, vier Tage Berlin, vier Nächte. Sie mochten die Stadt. Es war grün, die Leute waren freundlich, fast jeder sprach Englisch. Sie besuchten die East Side Gallery, das Mauermuseum und die Delikatessenabteilung des KaDeWe. Mit dem Selbstbewusstsein der Amerikaner klebten sie ein Label auf die deutsche Kapitale: Berlin ist eine "upcoming city". Interessante Klublandschaft, aufstrebende Start-up-Szene, gute Restaurants. Sie gingen im Nobelhart & Schmutzig essen, einem angesagten Restaurant in Kreuzberg. Jennifer war der Tourguide. Am Freitagabend besuchten sie das Watergate, einen Elektroklub, aus dessen großen Fenstern man auf die Spree gucken kann. Sie tanzten und tranken bis um halb vier. Bevor sie zurück ins Hotel fuhren, kaufte Carlo noch drei Ecstasy-Pillen auf der Straße. Eine für Rob, eine für sich und eine für Jennifer. Die waren…

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Nr. 12/2018