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Politik

„Terror hat keine Nationalität“

Tunesiens Premierminister Youssef Chahed, 41, spricht über Terroristen aus seinem Land und über die Probleme in einer fragilen Demokratie.

NICOLAS FAUQUÉ / DER SPIEGEL
von
Clemens Höges
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Politik

SPIEGEL: Herr Regierungschef, wie haben Sie reagiert, als Sie erfuhren, dass der mutmaßliche Attentäter von Berlin ein Tunesier ist?

Chahed: Ich war entsetzt über das, was den Deutschen widerfahren ist, meine ersten Gedanken galten den Familien der Opfer. Aber der Attentäter Anis Amri steht nicht für Tunesien oder das tunesische Volk, und die Deutschen wissen das. Dieser barbarische Akt wird die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern nicht beeinträchtigen. Terror hat heutzutage keine Nationalität mehr, er ist ein globales Problem. Diese Anschläge werden von weltweit agierenden Gruppen mithilfe des Internets organisiert. Wir müssen gemeinsam dagegen kämpfen, noch intensiver als bisher.

SPIEGEL: Einer Ihrer Diplomaten sagte, Deutschland möge nicht vergessen, dass Tunesien die einzige Blume in der arabischen Wüste sei – das einzige Land, in dem nach der Revolution vor sechs Jahren eine Demokratie entstanden ist.

Chahed: Manche Terroristen kommen aus Tunesien, ja. Aber trotzdem ist Tunesien nicht das Land der Täter, es ist auch Angriffsziel für Dschihadisten. Allein 2015 hatten wir drei schwere Anschläge hier. Islamistische Extremisten hassen uns, weil wir beweisen, dass eine säkulare Demokratie in der arabischen Welt funktionieren kann. Wir haben, nach 23 Jahren Diktatur, eine neue Verfassung, neue Gesetze, freie Wahlen, ein Verfassungsgericht, Presse- und Meinungsfreiheit.

SPIEGEL: Ihre Familie…

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Nr. 2/2017