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Gesellschaft

Tatort Sportplatz

Junge Sportler sind besonders gefährdet, Opfer sexueller Gewalt zu werden. Doch die Vereine kümmern sich zu wenig – einem Jungen aus Schleswig-Holstein wurde das offenbar zum Verhängnis.

MARTIN LUKAS KIM / DER SPIEGEL
von
Matthias Fiedler
und
Ann-Katrin Müller
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Gesellschaft

Es ist ein Samstagvormittag im Sommer 2015, als Tim es nicht mehr aushält. Der Neunjährige sitzt bei seiner Mutter im Auto. Sie sind auf dem Weg zum Auswärtsspiel in Bönningstedt, einer Gemeinde in Schleswig-Holstein, als es aus Tim herausplatzt: "Mama, ich will nicht mehr zum Fußball gehen."

Christine J. ist verdutzt, ihr Sohn liebt Fußball. Zweimal die Woche trainiert er beim TuS Holstein Quickborn, keine fünf Minuten von zu Hause entfernt. Als sie ihn fragt, warum er keine Lust mehr auf Fußball habe, fängt Tim an zu weinen. Dann sagt er: "Weil mich der Trainer immer anfasst."

Ein Satz, ganz leise gesprochen, und doch wie ein Knall.

Noch am selben Tag erzählt Tim, dessen richtiger Name anders lautet, erst seiner Mutter und dann der Polizei, wie ihn sein Fußballtrainer Kai H. monatelang missbraucht hat. Wie ihn der damals 41-Jährige auf die Rückbank seines schwarzen Ford zwang, ihm die Hose herunterzog und die Pobacken auseinanderdrückte. Und wie dann etwas Kaltes "irgendwie reingegangen" sei.

Tim berichtet, dass Kai H. ihn öfter vom Training nach Hause fuhr. Dass er ihm dann die Hose geöffnet, seinen Penis gestreichelt habe. Er habe alles probiert, um seinen Trainer abzuwehren, er habe Stopp gesagt, seine Hände schützend in den Schoß gedrückt, doch Kai H. habe sie zur Seite geschoben. Einmal habe H. ihm sogar in den Penis gekniffen. "Mein Trainer war süchtig nach 'Massieren'", sagt Tim. So nannte Kai H. das.

H. verging sich an mindestens zwei weiteren Kindern aus dem Verein, sie waren erst fünf und sieben Jahre alt. 15 Taten zwischen 2013 und 2015 ermittelte die Staatsanwaltschaft: Der Übungsleiter griff ihnen im Trainingslager unter das T-Shirt, tätschelte sie. Einem Jungen folgte er in der Sporthalle des Vereins auf die Toilette, schloss die Kabinentür ab und befummelte ihn an den Genitalien. So steht es im Urteil des Landgerichts Itzehoe mit dem Aktenzeichen 317 Js 19559/15.

Fälle sexueller Gewalt wie in Quickborn sind ein Tabuthema im deutschen Sport, dabei…

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Nr. 2/2017