Lesezeit 14 Min
Gesellschaft

Tanzt, sonst seid ihr verloren

Der philippinische Präsident lässt Drogensüchtige erschießen. Wer überleben will, macht eine Therapie. Entzug unter Todesangst? Ein Besuch in einem Slum von Manila, wo sie wissen, was droht, wenn einer rückfällig wird.

CARLO GABUCO / DER SPIEGEL
von
Katrin Kuntz
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Gesellschaft

Anoy Santos hat sich neue Turnschuhe gekauft, weil er nicht sterben will. Weiße Nikes mit einem roten Streifen, sie glänzen an seinen Füßen, als er das Therapiezentrum betritt, den stickigen Saal, in dem gleich der Zumba-Kurs für Drogensüchtige beginnt. Santos beeilt sich. Er muss pünktlich kommen, darf keinen Fehler machen, den Kurs nicht verpassen. Nur dann hat er eine Chance, die Jagd zu überleben, die der philippinische Präsident auf Menschen wie ihn macht.

Es ist angenehm still auf dem Gelände des Therapiezentrums, in der Mitte liegt eine Kirche, deren Tore weit offen stehen. Die Besucher, die vorüberhuschen, lächeln und sprechen nur leise. Santos kommt jeden Tag zu seiner Therapie, und er kommt gern. Um seine Sucht loszuwerden. Und um nicht erschossen zu werden.

Caloocan ist ein Moloch mit 1,6 Millionen Einwohnern, im Norden von Manila gelegen. Blickte man von oben hinab, sähe man ein Gewirr aus verstopften Straßen, Rikschas, Imbissen, Müllsammlern mit ihren Karren. Die Bewohner leben in Hütten aus Blech, viele haben weder Strom noch Wasser, nachts kommen die Menschen unter der Glühlampe eines Kioskes zusammen und spielen Karten. Ansonsten gibt es in Caloocan wenig, erst recht keine Arbeit, und so verkaufen viele hier Drogen. Selbst Einheimische meiden die Stadt, weil es ihnen hier zu gefährlich ist.

Caloocan ist ein Knotenpunkt auf der Drogenroute, hier kommt der Stoff aus dem Norden an und wird in die Hauptstadt weitertransportiert. Orte wie diesen hatte Präsident Rodrigo Duterte vor Augen, als er die Wahl mit dem Versprechen gewann, die Philippinen drogenfrei zu machen.

Seit Juli 2016 haben Polizisten und Auftragskiller im ganzen Land schätzungsweise mehr als 10 000 vermeintliche Dealer und Süchtige getötet. Doch an kaum einem zweiten Ort wird der Drogenkrieg so erbarmungslos geführt wie hier. Jede Nacht sterben im…

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Nr. 36/2017