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Süße Sucht

Übergewicht, Fettleber, Nierenversagen, Amputationen, Erblindungen, Herzinfarkte – Forscher überführen den Zucker als wahren Krankmacher. Doch mit Tricks und Manipulationen wehren sich Nahrungsmittelhersteller dagegen, vom Geschäft mit dem gefährlichen Stoff zu lassen.

OLIVER SCHWARZWALD / DER SPIEGEL
von
Jörg Blech
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Ich mag keine Cola. Ich darf sie aber auch nicht. Da sind 35 Stücke Zucker drin", sagt Emma, 7, aus der 2a. Ihr Klassenkamerad David nickt: "Wenn ich richtig durstig bin, habe ich nur Lust auf Wasser."

Von ungesüßtem Tee abgesehen, bekommen die Kinder der Adalbert-Stifter-Schule in der hessischen Stadt Heusenstamm nur Wasser zu trinken. Cola und Zitronenlimo, auch Kekse oder Schokoriegel sind vormittags tabu, weil die Lehrer und die Eltern der Grundschüler vor einiger Zeit gemeinsam den "zuckerfreien Vormittag" eingeführt haben.

Es war eine Art Notwehr, erzählt Christiane Knickel, die Leiterin. Denn das Schulgebäude liegt nahe einer Geschäftsstraße mit Supermärkten und Bäckereien. "Wenn ich das laufen lassen würde, dann würden die Kinder morgens fünf Euro in die Hand gedrückt bekommen und sich Teilchen, Stückchen und alles, was süß ist, holen", sagt Knickel. Die schlanke Lehrerin ist auf einem Bauernhof aufgewachsen und hat sich zum Ziel gesetzt, den Kindern den Wert einer ausgewogenen Ernährung zu vermitteln.

An diesem sonnigen Tag unternimmt die 2a einen Ausflug in den Schulgarten, der nur ein paar Gehminuten entfernt in einer Kleingartenkolonie liegt. Emma, David und die anderen Schüler bauen hier Äpfel, Bohnen, Kartoffeln, Stachelbeeren, Quitten und Zucchini an. Mit dem Bollerwagen haben sie einen Kasten Wasser mitgebracht; jetzt pflücken sie Minze, um sich ihr ganz eigenes, gesundes Erfrischungsgetränk zu mixen.

Jedes Jahr auf dem ersten Elternabend hören die neuen Familien den Vortrag einer Ernährungsexpertin. Sie erhalten das Faltblatt "Mein Pausenfrühstück" und können darin nachlesen, wie eine Mahlzeit an der Adalbert-Stifter-Schule aussehen sollte: mit Vollkornbrot, Käse, Möhren, Nüssen, Äpfeln. In den Klassen stehen überall Kästen mit Mineralwasser bereit, das der Förderverein bezuschusst.

Die Mädchen und Jungen achteten untereinander darauf, dass die Vereinbarung eingehalten werde, sagt Leiterin Knickel. "Es begeistert mich, an was wir die Kinder heranführen können." Die Eltern sind von dem Konzept angetan, die Plätze an der Schule äußerst begehrt.

Die Idee mit dem zuckerfreien Vormittag findet allerdings nicht jeder gut. "Das ist eine plakative Aktion", sagt Günter Tissen. Der Mann ist Agraringenieur und trägt jetzt einen grauen Anzug – er arbeitet als Lobbyist für die "Wirtschaftliche Vereinigung Zucker" mit Sitz in Bonn. Das ist ein eingetragener Verein, dem rund 30 000 Rübenanbauer und die Betreiber von Zuckerfabriken angehören. Die Vereinsmitglieder bezahlen Tissen ein Gehalt, damit er sich darum kümmert, dass die Deutschen möglichst viel Zucker zu sich nehmen.

Aus diesem Grund ist Tissen nicht nur gegen zuckerfreie Vormittage an Schulen, sondern er wehrt sich auch dagegen, dass Lebensmittelhersteller den Gehalt von Zucker in ihren Produkten reduzieren. Das würde bedeuten, sagt er, den Menschen "ein neues Geschmacksempfinden" anzuerziehen und ihnen die "angeborene Süßpräferenz abzugewöhnen". Und dieser Versuch sei gar nicht nötig, sagt Tissen: "Zucker macht weder krank noch dick."

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Dosenfutter: Weit mehr als die Hälfte der in Deutschland gelöffelten Suppen kommen aus der Fabrik – Zuckeranteil: bis zu fünf Prozent

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Nr. 15/2018