Lesezeit 20 Min
Gesellschaft

Südwestpassage

Eigentlich wollte ein SPIEGEL-Reporter nur sein Auto überführen, von Freiburg nach Lissabon. Eine Fahrt über 2000 Kilometer, gesäumt von Menschen aus fünf Ländern. Am Ende stand eine Geschichte über Europa.

MAURICE WEISS / DER SPIEGEL
von
Alexander Smoltczyk
Lesezeit 20 Min
Gesellschaft

Es sind einfache Regeln, und die Hoffnung ist, vom Zufall schon richtig geleitet zu werden. Denn wieso sollte der Zufall dümmer sein als der Verstand?

Ein Auto ist zu überführen, von Freiburg nach Lissabon, weil es Zeit ist für etwas Neues. Der Plan ist, daraus eine Erkundungsfahrt zu machen, durch fünf Länder, durch eine kriselnde, taumelnde, verstörte Gemeinschaft, bei der sich einige fragen, was überhaupt noch gemeinschaftlich an ihr ist.

Und das sind die Regeln: Es werden nur Landstraßen genommen, keine Autobahnen. Und in exakt gleichen Abständen wird haltgemacht, ausgestiegen und dem oder der Nächstbesten eine Frage gestellt: Wie hältst du's mit Europa? Was hat sie dir gebracht, diese Gemeinschaft, und wo hat sie dich hängen lassen?

Ein Längsschnitt durch den aufgeheizten »Schengenraum«, die Etappen dabei allein bestimmt vom Zufall.

Und weil es um Europa geht, startet die Erkundung dort, wo die Grenzen ineinander verschwimmen und wo sowieso manches losging: in Schengen an der Mosel, dem Geburtsort des grenzenlosen Europa. »Schengen« und »Lissabon«, zwei Ortsmarken der Europäischen Union, verbunden durch das schmale Band einer Landstraße.

I. Etappe – Schengen/Perl, Luxemburg/Deutschland: Osmans Reich.

An der Stadtgrenze zu Schengen, abseits von Europa-Museum und Fahnenkreis, steht geranienverziert das ehemalige deutsche Zollgebäude. Osman Usta, geboren am Schwarzen Meer, fand, dies sei der richtige Ort für seinen »Grill Dreiländereck«. Seither gibt es im Zollhaus Froschschenkel und »Bolonese Schnitzel« oder »Schnitzel à la Oma« und »Pizza Kebab«. Für Osman Usta ist seine Speisekarte die Gründungsakte der Union. Er sei, sagt Osman Usta, mehr Europäer als viele andere, und Europa ist eben mehr als Kebab.

Osman Usta sagt: »Ich habe mit 15 in einer Gießerei angefangen. Heute habe ich meinen Grill, einen Herzinfarkt, einen Sohn, der leider gestorben ist, und 13 Angestellte.« Er überlegt, wie der Satz jetzt weitergehen könnte.

An der alten Lkw-Rampe sitzen Müllwerker aus Perl, eine deutsch sprechende Französin mit dem Schriftzug »Gaetano« auf dem nackten Rücken und, Weizenbier vor sich, eine Equipe Eisenbahner der SNCF.

»Europa? Das ist wie eine Familie«, sagt Osman Usta und dass Familie etwas mit Stärke zu tun habe: »In einer Familie hält sich jeder an die Regeln. Dann läuft das. Ehrlichkeit ist das Wichtigste.«

Nur hätten sich einige mit falschen Zahlen in die Familie EU hineingeschmuggelt, oder? »Wir zahlen«, sagt Osman. »Und unser Fleiß unterhält die anderen.«

Er erzählt, wie sein Vater, ein türkischer Gastarbeiter, im Saarbrücker Bahnhof von einer Blaskapelle empfangen wurde. Wie der Deutsche, den das Arbeitsamt in die Gießerei geschickt hatte, nach zwei Stunden die…

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Nr. 35/2018