Lesezeit 19 Min
Wirtschaft

Stadt unter Strom

Frankfurt boomt, wegen des Brexit kommen Tausende Investmentbanker in die Main-Metropole. Damit wächst die Kluft zwischen Arm und Reich, die sozialen Spannungen nehmen zu. Über allem schwebt ein Mann ohne Macht und Vision.

KATRIN BINNER / DER SPIEGEL
von
Tim Bartz
und
Martin Hesse
Lesezeit 19 Min
Wirtschaft

Der Mann, der Frankfurt groß machen soll, liebt sein Wohnzimmer. So nennen Einheimische den Römerberg, den von nachgebauten Fachwerkhäusern gesäumten Rathausplatz. Peter Feldmann gefällt es, sich hier vor seinem Dienstsitz ablichten zu lassen. Aber an diesem Tag im Advent schieben sich dort Tausende Asiaten, Amerikaner, Bayern und Hessen über den Weihnachtsmarkt, der Oberbürgermeister muss drinnen bleiben.

Die Kulisse liefert ihm das Stichwort, um mit glänzenden Augen über Chancen und Herausforderungen seiner Stadt zu sprechen. Feldmann hat die Anzugjacke abgelegt und beugt sich über die Tischplatte. "Frankfurt ist die internationalste, die globalste Stadt Deutschlands", sagt er und fügt im hessischen Singsang gleich noch ein paar Großartigkeiten hinzu. Etwa dass Frankfurt bald die erste deutsche Großstadt sein könnte, die Arbeitslosigkeit zum Fremdwort erklärt.

All das, was jetzt wegen des Brexit aus London auf Frankfurt zukomme – der Zuzug von Managern und der Zufluss an Geld, die Wohnungsknappheit, der Einfluss anderer Kulturen –, sei für die alte Handelsstadt nichts Neues. Auch die Integration von mehr als 5000 Flüchtlingen habe seine 730 000 Einwohner zählende Stadt spielend bewältigt.

Mit seiner ostentativen Gelassenheit bringt Feldmann viele in der Stadt gegen sich auf. Denn seit die Briten am 23. Juni 2016 den Austritt aus der Europäischen Union beschlossen haben, vibriert Frankfurt. Die Businesselite will, dass der OB den Brexit nutzt und die Stadt endlich zur wichtigsten Finanzmetropole des Kontinents macht. Der Bedeutungszuwachs, vor allem aber die Aussicht auf Tausende zahlungskräftige Banker, die teuren Wohnraum mieten und die Spesenrestaurants bevölkern, freut Spekulanten.

co-sp-2018-003-0058-01-19567-bi.jpg

Oberbürgermeister Feldmann: Kampf um den sozialen Frieden in der Stadt

Andererseits verstärkt der Brexit die Abstiegsängste der Normalverdiener. Die leiden heute schon darunter, dass Leben und Wohnen in der Mainmetropole immer teurer wird, während die Gehälter stagnieren. Seit Jahren ziehen Jahr für Jahr bis zu 15 000 Einwohner neu in die Stadt. Wohnraum ist knapp, in ehemaligen linksalternativen Vierteln wie Bockenheim und Nordend ist er für Normalverdiener kaum noch erschwinglich. Schulen und Kindergärten sind überfüllt. Im Bahnhofsviertel, berüchtigt für seine Drogen- und Rotlichtszene, machen sich Hipsterlokale breit. Spekulanten kaufen sich ein, die Angst vor Gentrifizierung greift um sich.

Viele deutsche Metropolen kämpfen mit ähnlichen Problemen. Aber in Frankfurt kommt der Brexit hinzu, das macht…

Jetzt weiterlesen für 1,00 €
Nr. 3/2018