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Sport

Spiele des Wahnsinns

Korruption, Kostenexplosion, Umweltsünden – die Winterspiele stecken tief in der Krise. Das Mega-Event in Südkorea soll trotzdem ein Fest des Friedens und der Völkerverständigung werden. Kann das gelingen?

JUN MICHAEL PARK / DER SPIEGEL
von
Thilo Neumann
und
Christoph Winterbach
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Sport

Es ist nicht bekannt, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) jemals einen Krieg verhindert oder einen Konflikt geschlichtet hätte. Frieden ist dennoch ein beliebtes Wort im olympischen Kosmos. Das IOC "stellt den Sport in den Dienst der Menschheit" und "fördert dadurch den Frieden", so steht es in der Charta des Weltverbands.

Auch vor den 23. Olympischen Winterspielen Anfang Februar in Südkorea spielt das IOC sein Lied auf dieser Klaviatur. Seine Botschaft wird begünstigt durch die jüngsten Entwicklungen auf der Halbinsel: Die verfeindeten Bruderstaaten Süd- und Nordkorea sprechen wieder mit- statt nur übereinander, nach zwei Jahren des Schweigens. Offiziell befinden sich die Länder im Kriegszustand, doch bei der Eröffnungsfeier von Pyeongchang werden sie gemeinsam ins Stadion einziehen.

Frieden. Völkerverständigung. Eine bessere Welt. In Südkorea glaubte man an diese Ideale, als man sich mit Pyeongchang für die Olympischen Winterspiele 2010 und 2014 bewarb. Die Kandidatur setzte dabei auch auf die Botschaft der koreanischen Wiedervereinigung, auf den Sport als Wundermittel gegen Krieg und Spaltung. Besser konnte die Bewerbung nicht zum Leitbild des IOC passen. Doch Pyeongchang scheiterte zweimal.

Für den dritten Versuch holten die Organisatoren den Mann an Bord, der sie zuvor besiegt hatte: Terrence Burns.

Der Amerikaner berät seit vielen Jahren Bewerbungskomitees, die sich um den Zuschlag für Olympia bemühen. Für Vancouver 2010 und Sotschi 2014 setzte er die Marketingstrategie auf, trainierte die Redner für ihre Präsentationen – und übertrumpfte die koreanische Bewerbung.

Burns analysierte die Fehler der Koreaner. "Sie hatten ihre Zielgruppe nicht verstanden", sagt Burns mit dem Selbstverständnis eines Marketingprofis. "Sie mussten verstehen lernen: Welche Message überzeugt die Käufer, also in dem Fall das IOC?" Jedenfalls nicht die Botschaft von Frieden und Versöhnung.

Diese Erkenntnis war entwaffnend. Falls der Sport jemals im Dienst der Menschheit gestanden hat, wie es die IOC-Charta behauptet, tut er das schon längst nicht mehr. Denn die Sportverbände interessieren sich nicht für blumige Einheitsprojekte. Was zählt, sind Wachstum, Fernseheinnahmen, Sponsorengelder. Deswegen habe er sich für 2018 den Slogan "new horizons", neue Horizonte, ausgedacht und die gesamte Bewerbung auf dieses Versprechen ausgerichtet, sagt Burns: Pyeongchang solle den Markt für Wintersport in Asien öffnen. Seine größte Konkurrenz kam aus Deutschland: Die Bewerbung für die Winterspiele 2018 in München stand für sparsame, nachhaltige, traditionsbewusste Spiele. Das IOC entschied sich lieber für die neuen Märkte.

Nun kann sich der IOC-Präsident Thomas Bach auch noch mit den Lorbeeren schmücken, die ihm Kim Jong Un beschert hat: Der Diktator Nordkoreas will auch etwas vom Rampenlicht des verhassten Südens abbekommen und hat…

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Nr. 5/2018