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Sport

Spiel ohne Grenzen

Red Bull, österreichischer Produzent von Energydrinks, lebt als Sportsponsor von dem Ruf, die Grenzen des Machbaren zu verschieben. Das produziert Helden – aber auch Tote. Meistens verschwinden deren Namen, als hätte es sie nie gegeben.

HARTMUT SCHWARZBACH / DER SPIEGEL
von
Uwe Buse
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Sport

In der Stadthalle von Schwerin, zehn Meter über dem Boden, fliegt ein Mann durch die Luft. Sein Körper ist gestreckt, seine Hände umfassen den Lenker eines Motorrads, das über ihm durch die Luft fliegt. Er ist dabei, mit dem Motorrad einen Salto rückwärts zu springen. Unter ihm nichts als der harte Hallenboden, kein Netz, keine Sicherung.

Der Mann heißt Luc Ackermann, er ist 18 Jahre alt und von Beruf Actionsportler, Freestyle-Motocrosser.

Für einen Augenblick scheinen Mensch und Maschine jetzt stillzustehen, die Räder des Motorrads weisen zum Hallendach. Wenn man das Bild einfrieren würde, dann wäre es der Moment unmittelbar vor dem Drama. Wenn man im Publikum sitzt, spürt man, dass es jetzt noch einen Wimpernschlag dauert, ehe sich entscheidet, ob es hier zum Drama kommt oder zur perfekten Landung.

Nur Stunden zuvor, während des Trainings, war zu beobachten, welche Folgen dieses Spiel haben kann. Ein Fahrer aus Skandinavien hatte ein sehr ähnliches Manöver gewagt, aber er war geschwächt von einer Grippe, seine Bewegungen deshalb den Bruchteil einer Sekunde zu langsam, er brachte die Füße nicht zurück auf die Fußrasten. Er klammerte sich mit den Händen an den Lenker, was eine verständliche, aber falsche Entscheidung war. Die Wucht des Aufpralls stauchte ihn zusammen, riss seine rechte Hand, die den Gasgriff umfasste, nach unten. Er raste mit voller Geschwindigkeit gegen die nahe Hallenwand, die nur mit einer Matte gepolstert war. Als er nach dem Rückprall auf dem Boden aufschlug, vor Schmerzen nur halb bei Bewusstsein, begann er zu heulen wie ein Tier.

Wenn das Kunststück aber gelingt, so wie bei Luc Ackermann, dann gleitet der Körper in der Luft scheinbar mühelos zurück auf die Sitzbank, bringt so die Rotation des Motorrads wieder in Gang, und der Mensch setzt mit der Maschine unbeschadet auf der Landerampe auf.

Es gibt viele perfekte Landungen an diesem Abend, wenige Dramen, und man kann behaupten, dass genau das die richtige Mischung ist für alle, die so ein Spektakel sehen wollen. Das sind die Zuschauer, Männer vor allem mit ihren Söhnen, und das ist der Sponsor einiger Fahrer, die hier ihr Leben…

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Nr. 1/2017