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Sommer der Stille

Unberührte Landschaften voller zirpender Grillen und singender Vögel – das war einmal. Deutschland leidet unter einem dramatischen Artenschwund. Nur eine radikale Wende zur Biolandwirtschaft könnte die Vielfalt noch retten.

MARIA FECK / DER SPIEGEL
von
Philip Bethge
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Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit, an deines Gottes Gaben; schau an der schönen Gärten Zier und siehe, wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben.

Paul Gerhardt (1653)

Rachel Carson begann ihre Ökoapokalypse mit einem "Zukunftsmärchen": "Es war einmal eine Stadt", schrieb sie 1962 in "Der stumme Frühling", "in der alle Geschöpfe in Harmonie mit ihrer Umwelt zu leben schienen."

Inmitten des Landes, "wo im Frühling Wolken weißer Blüten über die grünen Felder trieben", lag diese Stadt. Entlang ihrer Straßen wuchsen "Lorbeerrosen und Erlen, hohe Farne und wilde Blumen".

Doch alsbald hatte die Vielfalt ein Ende: "Eine schleichende Seuche" tauchte auf, "über allem lag der Schatten des Todes". Keine Bienen summten mehr, keine Vögel sangen, "Schweigen lag über Feldern, Sumpf und Wald".

Carsons Bestseller verdammte den Einsatz synthetischer Pestizide, führte zum Verbot von DDT und gilt als Geburtsstunde der modernen Umweltbewegung.

55 Jahre ist das her. Doch die Warnung der Biologin ist aktueller denn je. Nicht nur in den Getreidegürteln der USA oder auf den Sojafeldern Südamerikas, sondern direkt vor der Haustür, in Deutschland, ist das Vogelkonzert fast verstummt, bleibt der Sommer weithin ohne Grillenzirpen und Schmetterlings-Torkelflug.

Fast zwei Drittel der natürlichen Lebensräume sind hierzulande in Gefahr. Um etwa 80 Prozent ist die Biomasse der Fluginsekten mancherorts zurückgegangen. Rund 40 Prozent der Tagfalter sind bedroht, ein Drittel der Ackerwildkräuter wird rar, und knapp drei von vier Vogelarten der offenen Landschaft sind gefährdet oder gar ausgestorben.

Ausgerechnet das Land der Naturromantiker verliert seine Vielfalt. "Um mich summt die geschäftige Bien', mit zweifelndem Flügel wiegt der Schmetterling sich über dem röthlichten Klee", dichtete Friedrich Schiller im "Spaziergang" – vorbei. "Frei empfängt mich die Wiese mit weithin verbreitetem Teppich" – das war einmal.

Während der Naturschutz einzelne Erfolge bei charismatischen Arten wie Wolf, Wildkatze oder Schwarzstorch feiert, gleicht die Agrarlandschaft, die etwa 50 Prozent von Deutschlands Landfläche ausmacht, einer Ökowüste. Längst hat sich der Deutsche…

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Nr. 36/2017