Lesezeit 22 Min
Gesellschaft

„Sofort raus aus dem Wasser!“

Zwei Welten treffen in diesem Sommer aufeinander. An den Stränden des Mittelmeers suchen Touristen Erholung – und Flüchtlinge Schutz vor Hunger und Bomben. Dürfen wir Urlaub machen, wo andere ums Überleben kämpfen?

GIORGOS MOUTAFIS / DER SPIEGEL
von
Özlem Gezer
,
Frank Hornig
,
Martin Knobbe
,
Walter Mayr
,
Maximilian Popp
und
Helene Zuber
Lesezeit 22 Min
Gesellschaft

Es ist ruhig am Strand, die Urlauber schlafen noch in ihren Hotels, nur ein paar Hunde bellen. Über Kos bricht das Morgengrauen an.

Mit letzter Kraft schleppt sich Rasib Ali aus dem Meer. Seine Arme und Beine zittern, die Lippen sind blau angelaufen, Jeans und Hemd hängen schwer an seinem Körper.

Nur wenige Seemeilen trennen die griechische Insel Kos von der türkischen Küste. Dort war Ali, 18 Jahre alt, Flüchtling aus Pakistan, in der Nacht aufgebrochen. Allein. In einem Paddelboot. Für einen Platz auf dem Schiff von Schmugglern fehlte ihm das Geld. Kurz vor Kos ist er gekentert. Ali ist Nichtschwimmer. Trotzdem rettete er sich an den Strand.

Griechische Fischer eilen jetzt herbei, sie streifen Ali die Kleider vom Leib, hüllen ihn in eine Jacke. Sie sagen: "Keine Angst, Junge, du bist in Sicherheit." Ali starrt aufs Meer. "Thank you", stammelt er. "Thank you."

Drei Stunden später, gegen sieben Uhr, schlurfen die ersten Hotelgäste zum Morgenyoga ans Meer. Zur Mittagszeit ist der Strand voll mit Urlaubern: Familien breiten ihre Handtücher aus, Rentner spielen Boccia, Kinder bauen Burgen im Sand. Wo Ali wenige Stunden zuvor beinahe ertrunken wäre, schnorcheln nun die Touristen.

Es ist wieder Hochsaison. Millionen Menschen zieht es auch in diesem Sommer an die Strände von Sizilien bis zur Ägäis. Es kommen die Urlauber aus dem Norden, und es kommen die Flüchtlinge aus dem Süden. Das sonnige Wetter verspricht den einen gute Erholung – und den anderen eine weniger gefährliche Überfahrt als im Herbst oder Winter.

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So wird das Mittelmeer zum Sehnsuchtsort. Für diejenigen, die Frieden, Schutz vor Bomben, Hunger und Not suchen. Aber auch für jene, die sich nur erholen und Spaß haben wollen.

Diese türkisblau schimmernde See, über die jetzt wieder weiß glänzende Jachten gleiten und Jetski-Fahrer brettern, an deren Strandbars der Rosé eisgekühlt serviert wird, an deren Uferpromenaden sonnenverbrannte Deutsche, Schweden oder Briten die neueste Bademode vorführen – diese See ist zugleich Schauplatz eines grausamen Dramas, dessen Ende nicht zu sehen ist. Allein in diesem Jahr ertranken bereits weit über 1800 Menschen auf der Flucht in den Fluten. Urlaub oder Überleben – an wenigen Stellen in Europa prallen Arm und Reich so brutal aufeinander wie an mediterranen Ferienorten.

Hoteliers und Bürgermeister versuchen nach Kräften, die Fremden aus Nord und Süd auseinanderzuhalten. Und doch treffen sie sich. In einer billigen Pension, wo die Ärmsten der Urlauber und die Reichsten der Flüchtlinge nebeneinander logieren, oder in der Strandboutique, wo sie die gleichen Schlauchboote kaufen. Die einen zum Vergnügen. Die anderen zur Flucht. Es kann passieren, dass sie einander auf hoher See begegnen. Und es gibt die tragischen Momente, wenn Plastiktüten vor die Liegestühle der Touristen gespült werden, mit Pässen,…

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Nr. 32/2015