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Wirtschaft

Sisyphus in der Grube

Der Stromriese RWE kämpft ums Überleben. Weil das traditionelle Geschäft mit Kohle und Atom keine Zukunft hat, muss das Unternehmen rasch den Einstieg in moderne lukrative Geschäftsfelder finden. Kann der Umbau gelingen?

OLIVER TJADEN / DER SPIEGEL
von
Frank Dohmen
und
Dietmar Hawranek
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Wirtschaft

Gib mir mal die Wolle", sagt die Managerin. Sie hat sich mit vier Kollegen um einen Tisch herum postiert; fünf Führungskräfte, die zusammen auf ein Jahreseinkommen von einer Million Euro kommen dürften. Auf dem Tisch liegen Luftballons, Strohhalme, Scheren, Pappe und Filz. Ein Kollege klebt die Wolle, zwei aus Filz geschnittene Punkte und zwei Striche auf eine Schautafel. Fertig ist ein Mondgesicht. "Das ist unsere Kollegin Julia", sagt die Managerin, "die kriegt noch eine Feder ins Haar."

"Jetzt brauchen wir noch den ,big tanker', das sind wir", sagt die Managerin, "und Schnellboote, das sind die Start-ups, mit denen wir in Kontakt kommen wollen." Der Kollege schneidet aus Pappe ein großes Schiff und mehrere kleine Boote aus. Zwischen ihnen wird ein Wollknäuel befestigt. "Das ist unser Problem", sagt die Managerin. "Wir bekommen keinen Kontakt zu den Start-ups."

Aha. Und deshalb ist die Julia traurig, was die nach unten gezogenen Mundwinkel symbolisieren? Richtig.

Willkommen bei RWE, einem Konzern, der ums Überleben kämpft, der die deutsche Industriegeschichte prägte wie Thyssen und Krupp, wie Daimler und Volkswagen, und der in seinen Glanzzeiten mehr als 160 000 Menschen beschäftigte. Heute arbeiten noch knapp 60 000 für das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk (RWE). Sie fördern Braunkohle, betreiben Kohle-, Gas- und Atomkraftwerke und versorgen 16 Millionen Menschen und Tausende Unternehmen mit Strom und Wärme.

Noch, muss man anfügen. Denn RWE wird in wichtigen Teilen die Geschäftsgrundlage entzogen. Der Konzern muss seine Kernkraftwerke demnächst abreißen. Ältere Kohlekraftwerke sollen mit einer Abgabe belastet werden. Sie wären dann wirtschaftlich kaum noch zu betreiben. Und wenn sie abgeschaltet werden, lohnt sich möglicherweise der Braunkohletagebau im Revier Garzweiler…

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Nr. 21/2015