Lesezeit 32 Min
Wissen

Sieben Jahre

Ein Familienvater erkrankt mit Anfang vierzig an einer seltenen Form von Alzheimer. Seine Frau und seine vier Töchter begleiten ihn bis zum Tod. Die Geschichte eines langen Verschwindens.

THEKLA EHLING / DER SPIEGEL
von
Barbara Hardinghaus
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Einen Tag vor dem Urlaub kaufen sie einen Siebensitzer-Bus, die Eltern und die drei Mädchen wollen ins Allgäu, Mädchen Nummer vier ist unterwegs. Der Vater trägt die Koffer über den Kies in den Wagen, an den hohen Bäumen entlang, dahinter die alte Villa, die ihr Zuhause ist.

Sie setzen die Kinder auf ihren Platz, die Mutter zieht den Gurt über den runden Bauch, sie ist im siebten Monat. Auf dem Weg in den Urlaub wollen sie noch kurz beim Neuropsychologen vorbei. Der Vater war unkonzentriert in letzter Zeit, verschusselt, sie haben schon Streit gehabt deswegen.

Sag mal, spreche ich Chinesisch?, hat sie zu ihm gesagt, wenn er mal wieder etwas nicht verstand, nicht reagierte. Sie dachte: Mein Mann ist träge geworden.

Wo steht das Salz?, hat er sie gefragt.

Da, wo es immer steht, war ihre Antwort. Er hat das Salz dann doch nicht gefunden.

Die Menschen fragen sich, wie es wohl losgeht mit dem Ende und woran man es merkt. Wann kommt es? Habe ich Glück, und es kommt erst mit achtzig? Mit sechzig, siebzig? Oder mit 41?

Sie parken das Auto vor der Klinik, die Kinder spielen im Wartezimmer. Der Arzt macht verschiedene Tests, spricht mit dem Mann, hört lange zu, hört von einer Vorbelastung in der Familie, setzt sich später vor das Paar und sagt: Es sieht nicht gut aus. Es tut mir leid.

Sie blickt zu ihrem Mann und beginnt sofort zu weinen. Alles, was der Arzt noch sagt, hört sie wie durch Panzerglas.

Bei Ihnen liegt eine beginnende Alzheimererkrankung vor, eine präsenile Demenz vom familiären Typ, eine Genmutation auf Chromosom 14, sagt der Arzt.

Präsenilin-1-Gen, oder PSEN1, lautet der wissenschaftliche Name des betroffenen Gens, eine seltene, vererbbare Form von Alzheimer, die schon in jungen Jahren auftreten kann. Es ist ein Verfall, das Gehirn schrumpft. Es ist alles wie sonst auch bei Alzheimer, nur schneller, früher, ein Rückzug aus dem Leben im Zeitraffer.

Fahren Sie nach Tahiti!, hören sie den Arzt sagen. Sie stehen auf, setzen die Kinder stumm ins Auto, sie weint auf dem Beifahrersitz. Er fährt, den Blick immer auf dem Asphalt, bis nach Bayern.

Es ist geschehen, was nicht hätte geschehen dürfen, dass auch er krank wird wie seine Mutter, die mit Anfang vierzig an Alzheimer gestorben ist. Den Gedanken, dass es ihn treffen könnte, hatten sie beide schon so weit verdrängt über die Jahre, bis er fast verschwunden war.

Seine Frau sagt im Wagen, du musst viel Obst essen. Du musst Vitamine nehmen, Ginkgo, Bach-Blüten, Granatapfel, viel an die Luft, Bewegung ist wichtig. Er denkt, ich hätte lieber Krebs. Da bleibt der Kopf klar, es gibt Therapien.

Als die Kinder am Abend schlafen, liegen sie und er nah beieinander im Bett der Ferienwohnung und fragen sich, wie sie das schaffen sollen. Mit Liebe, als Familie, ist ihre Antwort. Sicher nicht mit Tahiti.

Aber geht so etwas? Kann eine junge Familie ein solches Schicksal tragen? Wie lange hält die Liebe das aus?

Zu dieser Familie gehören: Sie, 39 Jahre alt, Psychologin, trägt die Haare zu einem Zopf, klarer Blick, feste Stimme. Er, 41-jährig, Allgemeinmediziner, auch mit Zopf, graue Haare, kluges Gesicht, runde Brille. Dann die Kinder, Gloria, 11, Anne, 8, Lydia, 5, alle blond, munter.

Die alte Villa in einer Kleinstadt im Rheinland haben sie erst vor ein paar Jahren gekauft, der Kredit war günstig, hier wollten sie ihre Töchter groß werden lassen, sesshaft bleiben. Im Haus stehen Antiquitäten, liegen mächtige Teppiche auf Holzdielen, stehen Ohrensessel, hängen Kronleuchter, der Ofen ist aus Biolehm.

Zu Weihnachten 2009 verschicken sie ein Familienfoto an Freunde und Verwandte, das Baby ist da, Fine. Es ist das Porträt einer schönen Familie, vor dem Haus im Schnee, er im Janker. Auf dem Bild ist alles gut.

Sieben Jahre lang, seit der Diagnose bis nach dem Tod des Mannes, hat diese Familie ihr Haus geöffnet, um ihre Geschichte einer Journalistin und einer Fotografin zu erzählen. Jedes Jahr fand mindestens ein Treffen statt, die Kinder, die in Wirklichkeit andere Namen haben, sind größer geworden, die Mutter älter, ihr Mann kränker. Es ist eine Geschichte vom Verschwinden.

Erster Besuch, Januar 2010
Eine Prognose

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Nr. 36/2017