Lesezeit 20 Min
Gesellschaft

Sie ist wieder da

Die Hausfrau feiert als Lebensmodell junger Akademikerinnen ein Comeback. Ihnen stehen alle Türen offen, doch mit der Geburt der Kinder tauschen viele die Karriere gegen die Kittelschürze. Ist die Emanzipation am Ende?

LEMRICH / DER SPIEGEL
von
Anna Clauß
Lesezeit 20 Min
Gesellschaft

Kuchen backen, Hemden bügeln, Fenster putzen. Sarah Prestele hasst es. Die zierliche Frau taugt nicht zum Heimchen am Herd. Sie hat andere Talente: Momentan verbringt die 31-Jährige ihre freien Vormittage im Baumarkt zwischen Fliesenabteilung und Farbcenter. Die Familie renoviert das alte, schnuckelige Reihenhäuschen in Augsburgs Innenstadt.

Außerdem kann Prestele gut mit Zahlen. 2009 machte sie das beste BWL-Diplom ihres Jahrgangs, Note 1,3, setzte anschließend noch eine Ausbildung zur Steuerberaterin drauf. 2012 kam Sohn Luis zur Welt. Die Anrufe der Headhunter sind seitdem nicht weniger geworden. Neulich klingelte das Handy, als sie mit ihrem Sohn gerade auf dem Wohnzimmerteppich Tiere puzzelte. Löwe, Elefant, Angebot für eine leitende Stelle bei einem mittelständischen Unternehmen, Tiger, Nilpferd.

"Ich habe natürlich abgesagt." Sarah Prestele war immer schon klar: "Entweder Kind oder Karriere." Beides zusammen mache unglücklich. An zwei Tagen die Woche arbeitet sie in einer Münchner Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Sie findet, das sei genug.

Es sind Worte, die nicht nur Headhunter dumm dastehen lassen. Frauen an die Macht, lautet das Mantra unserer Zeit. Quoten sollen helfen, Kitas stehen vielerorts bereit. Die Familienministerin hat gerade ihr zweites Kind zur Welt gebracht, und in diesem Land regiert eine Frau. Der rote Teppich für Sarah Prestele ist ausgerollt. Doch die verlegt lieber Parkett im Eigenheim.

Was jene Frauen, die in den vergangenen Jahrzehnten für Chancengleichheit gekämpft haben, besonders frustrieren wird: Ihr Einsatz hat auf Frauen wie Prestele offenbar abschreckende Wirkung entfaltet.

Ihre eigene Mutter habe trotz ihrer drei Kinder Vollzeit gearbeitet, lebte die Vereinbarkeit von Familie und Beruf vor, "hatte aber permanent ein schlechtes Gewissen", erinnert sich Prestele. Ließ sie die Kinder zu Hause, hockte sie unglücklich im Büro. Blieb sie zu Hause, vermisste sie den Job. Und die kleine Sarah vermisste ihre Mutter. "Ich weiß noch, wie ich mich freute, wenn Mama für uns kochte." Prestele hat daraus gelernt: "Ich arbeite erst Vollzeit, wenn die Kinder aus dem Haus sind." So lange heißt es: Kittelschürze statt Karriere.

Die Hausfrau. Sie ist wieder da. Prestele verkörpert ein tot geglaubtes Lebensmodell.

Die Steuerberaterin könnte mit einem Vollzeiteinkommen ihre Kleinfamilie ernähren. Der Mann, ein Gymnasiallehrer, der nach Feierabend mit seiner Akustikband den Rock der Sechzigerjahre auferstehen lässt, könnte auf Teilzeit reduzieren und sich um das gemeinsame Kind kümmern. Doch Prestele lacht nur: "Mein Mann ist ein super Vater, aber kein Hausmann. Würde ich Vollzeit arbeiten, könnte ich am Abend noch das Bad putzen, die Teller spülen und aus lauter Frust Streit…

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Nr. 11/2016