Lesezeit 27 Min
Gesellschaft

Selbstbetrug mit System

In Hamburg sammelt sich der Protest gegen die Ausbeutung von Mensch und Natur und gegen die Auswüchse des Finanzkapitalismus. Es ist radikales Umdenken nötig, um die Probleme der Menschheit zu lösen.

DOMINIC NAHR / DER SPIEGEL
von
Alexander Jung
Lesezeit 27 Min
Gesellschaft

Es gibt Skandale, die klingen so vertraut, dass sich kaum einer mehr richtig darüber aufregt.

Kurz zur Erinnerung: Alle zehn Sekunden verhungert auf der Erde ein Kind – obwohl es Nahrung für 10 bis 12 Milliarden Menschen gibt und 7,5 Milliarden auf der Erde leben. Fast 800 Millionen gelten als extrem arm – während so viel Geld in der Welt ist wie nie zuvor. Energie wird zu 81 Prozent durch Verbrennen von Kohle, Gas und Öl erzeugt – obwohl diese Praxis die Erde erwärmt und mit Solar- und Windkraft ausgereifte Alternativen bereitstehen.

Wenn sich die Mächtigen der G-20-Staaten am kommenden Wochenende in Hamburg treffen, haben sie es in der Hand, einige Widersprüche aufzulösen, sie zumindest aber zu entschärfen. Denn sie haben die Gegensätze zum größten Teil selbst verursacht.

Die G 20 repräsentieren zwei Drittel der Erdbevölkerung, gut drei Viertel der globalen Wirtschaftsleistung, vier Fünftel der Treibhausgasemissionen – und sie sind das Feindbild der Globalisierungskritiker. "Die G 20 sind Teil des Problems und nicht der Lösung", sagt Werner Rätz, Mitbegründer von Attac in Deutschland, dem globalisierungskritischen Netzwerk. Deshalb organisiert Rätz in Hamburg den Protest. Damit kennt er sich aus.

Rätz ist 65 Jahre alt, weißer Bart, die Haare schulterlang: ein Veteran der linken Bewegung. In der CDU war er aktiv, bei den Grünen, den Linken, doch Parteipolitik ist nicht sein Ding, hat er festgestellt. Rätz bevorzugt die außerparlamentarische Aktion. Im Sommer 1982 meldete er in Bonn eine Friedensdemonstration an, Anlass war ein Nato-Gipfel. Schätzungsweise 450 000 Menschen versammelten sich in den Rheinauen, die "Tagesschau" berichtete darüber 16 Sekunden: "Das waren Dimensionen, die heute unvorstellbar sind."

35 Jahre später muss er um mediale Aufmerksamkeit nicht bangen, mehr Sorge bereitet ihm der rot-grüne Senat. Olaf Scholz, der Erste Bürgermeister der Stadt Hamburg, will verhindern, dass Demonstranten in Parks kampieren. Rätz findet das unbegreiflich. Er kennt Scholz noch aus dessen Zeit als Juso-Funktionär. Nun hofiert Scholz die Exzellenzen, gegen die Rätz mobilisiert.

Rätz ist überzeugt, dass er auf der richtigen Seite der Barrikaden steht. "Das Weltsystem ächzt aus allen Fugen", sagt er, "das ist die Chance für die alternative Bewegung."

Tatsächlich erlebt die Globalisierungskritik seit Monaten eine unerwartete Renaissance. Im vergangenen September demonstrierten bundesweit 170 000 Menschen gegen die Freihandelsabkommen TTIP und Ceta. Nun steuern die Massen auf Hamburg zu, um sich den Mächtigen in den Weg zu stellen. Ein breites Bündnis trägt den Protest: Kirchengruppen, Umweltverbände, Gewerkschaften, Flüchtlingsräte, Friedensbewegte. Sie eint der Glaube an das Gute im Menschen und das Schlechte am System.

Sie hegen den Verdacht, dass Freihandel und Marktwirtschaft nicht Wohlstand für alle erzeugten, sondern die Reichen noch reicher mache. Sie sind überzeugt, dass globale Vernetzung, digitaler Fortschritt und ungezügelter Finanzkapitalismus nur einer kleinen Elite dienten, die Masse aber zu Verlierern mache: Die Mehrheit sei vom Reichtum ausgeschlossen.

Acht Männer verfügten nach Rechnung der Hilfsorganisation Oxfam 2016 über ein Vermögen von 426 Milliarden Dollar, an der Spitze Microsoft-Gründer Bill Gates, Textilunternehmer Amancio Ortega (Zara) und Großinvestor Warren Buffett. Alle acht zusammen besitzen damit mehr als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung.

Einige gewinnen viel, aber viele verlieren einiges. Dieser Gedanke zieht Kreise, weit über das linke Spektrum hinaus.

Vor zwei Wochen verblüffte die Bundeskanzlerin Teilnehmer eines Treffens von Nichtregierungsorganisationen beim sogenannten C-20-Gipfel…

Jetzt weiterlesen für 1,12 €
Nr. 27/2017