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Seine Wenigkeit

Wie sich Kevin-Prince Boateng mit einem Foulspiel von seinem Land und seinem Bruder Jérôme entfremdete und warum er Niko Kovač für einen guten Trainer für Bayern München hält

TIM WEGNER / DER SPIEGEL
von
Marc Hujer
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Im Vorwort seiner Autobiografie hat Kevin-Prince Boateng, 31, seinen Freund Mario Balotelli zu Wort kommen lassen. Der italienische Nationalspieler beschreibt darin einen Wettbewerb, den die beiden hatten: »Es ging um die Frage: Wer ist attraktiver, wer trägt die cooleren Klamotten, wer kommt stylischer daher, wer fährt das fettere Auto? Ich schätze, dieser Fight steht unentschieden.«

SPIEGEL: Herr Boateng, gibt es den Wettbewerb mit Balotelli noch?

Boateng: Den brauchen wir nicht mehr.

SPIEGEL: Wieso?

Boateng: Weil ich eh gewinne.

Im Leben von Kevin-Prince Boateng gab es verrückte Tage, an denen er sich zwei neue Tattoos stechen ließ, nur weil er einen Freund übertrumpfen wollte, der ein neues Tattoo hatte. Oder er sich drei Autos kaufte, einen Lamborghini Gallardo Spyder für 300 000 Euro, einen Hummer H2 für 75 000 Euro und einen Cadillac, Baujahr 1967, für 40 000 Euro, drei Schecks für drei Autos an einem einzigen Tag. Es war ein Leben, von dem er sagt, es liege weit hinter ihm.

Am kommenden Samstag steht er mit Eintracht Frankfurt im DFB-Pokalfinale gegen den FC Bayern München. Er ist der Star einer Mannschaft, die eigentlich chancenlos ist.

Boateng ist wieder zurückgekehrt nach Deutschland, zum zweiten Mal nach seiner missglückten Zeit bei Schalke. In sein Heimatland, aus dem er sich vor acht Jahren verstoßen fühlte, nachdem er ein grobes Foul an Michael Ballack begangen hatte, dem damaligen Kapitän der deutschen Nationalmannschaft. Es war 2010, kurz vor Beginn der Weltmeisterschaft in Südafrika, als Boateng im englischen Pokalfinale gegen den FC Chelsea antrat und Ballack so hart foulte, dass der nicht zur WM fahren konnte. In einer »Bild«-Kolumne stand, er sei ein »Arschloch«.

Danach hatte Boateng das Gefühl, sein Land verloren zu haben, aber auch seine Familie. Sein Bruder Jérôme gab ihm öffentlich den Ratschlag, sich persönlich bei Ballack zu entschuldigen.

SPIEGEL: Sie schickten Ihrem Bruder eine SMS: »Tolles Interview, Bruda.« Warum?

Boateng: Das war sarkastisch…

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Nr. 20/2018