Lesezeit 14 Min
Kultur

Sein Kampf

Ein Besuch beim norwegischen Schriftsteller Karl Ove Knausgård, der sich anschickt, mit der Geschichte seines Lebens die Welt zu erobern. 

JEPPE BØJE NIELSEN / DER SPIEGEL
von
Volker Weidermann
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Kultur

Seine fast weißen Haare in der Sonne. Man sieht ihn schon von Weitem am Bahnhof von Ystad in Südschweden stehen, er ist über eins neunzig groß, um ihn herum und an ihm vorbei wuseln Ferienkinder mit bunten Rucksäcken und guter Laune, die soeben aus dem ankommenden Zug gequollen sind. Er schaut, Hände in den Taschen, über die Kinder hinweg, wir sind hier am Bahnhof verabredet, ich winke, er zieht die Hand aus der Tasche, winkt zurück. Karl Ove Knausgård, 46, lebt seit einigen Jahren mit seiner Familie hier, zurückgezogen, in einem kleinen Ort, nicht weit von Ystad entfernt.

Nachdem in Norwegen vor ein paar Jahren die ersten Bände seines Erinnerungswerks unter dem Gesamttitel "Min kamp" ("Mein Kampf") erschienen waren, war der Druck auf die Familie immer heftiger geworden. Denn erstens war es einer der größten Bucherfolge in der jüngeren Geschichte Norwegens – 500 000 verkaufte Bücher in einem Fünf-Millionen-Einwohner-Land -, und zweitens zeichnet sich das sechsbändige Werk dadurch aus, dass Knausgård darin unverhüllt und schonungslos alles über sich, sein Leben und das Leben seiner Angehörigen preisgibt, alles beschreibt, den Alkoholismus seines Vaters, seiner Großmutter, die bipolare Störung seiner Frau, Geburt der Kinder, Streit, Sex, Tod, Hass, Liebe, alles, alles. Reporterscharen strömten aus, jede Figur der Bücher wurde aufgesucht, nach ihrer Meinung zum Werk befragt und auf den literarischen Wahrheitsgehalt hin überprüft. "Es war die Hölle", wird Knausgård später sagen, als wir bei ihm im Garten sitzen. "Wir wollten uns verstecken." Jetzt lebt er ganz und gar hier, zusammen mit seiner Frau und vier Kindern.

Vom Bahnhof aus geht es in seinem weißen VW-Bus über Land, im Auto überall Kekskrümel, Fanta-Klebrigkeit, Kinderkrimskrams. Er erzählt von Peter Handke, dessen Werk er bewundert, von dem er auch ein Buch in seinem kleinen norwegischen Verlag publiziert hat. Er verlegt dort überwiegend ausländische Autoren, aus dem…

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Nr. 38/2015