Lesezeit 15 Min
Fernweh

Sehnsucht nach Weltkultur

Der Schriftsteller Navid Kermani bereist die Außenbezirke des Kontinents, trifft einen armenischen Komponisten, diverse Aktivisten und einen erstaunlich unbarmherzigen Pater.

NAZIK ARMENAKYAN / DER SPIEGEL
von
Navid Kermani
Lesezeit 15 Min
Fernweh

Zehnter Tag

Tigran Mansurian empfängt mich im Separee eines altmodischen Cafés in Eriwan, ein zuvorkommender Herr mit eckiger Metallbrille und schmalem Gesicht, in das bei jeder Drehung die schneeweißen Haare fallen. Er ist Komponist, der berühmteste seines Landes, steht weltweit auf den Spielplänen von Philharmonien und Festivals für Neue Musik. Dabei klingen seine Quartette, Sonaten, Konzerte und Chöre ganz anders, als es ein westliches Konzertpublikum von Neuer Musik erwartet, gefühlvoll, ja sogar oft tragisch, ohne je melodramatisch zu sein, wie eine einfache Weise oder ein Kinderlied tragisch klingen kann, allerdings mit dem vollen, mächtigen Klang eines Symphonieorchesters.

Navid Kermani

Kermani, 50, ist Autor, Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels und lebt in Köln. Bislang hat der SPIEGEL acht Teile seiner Reisereportage veröffentlicht. Vier weitere werden in den nächsten Wochen folgen. Seine Reise endet im iranischen Isfahan, der Heimat seiner Eltern. Ende Januar erscheint Kermanis Reisetagebuch auch im Verlag C. H. Beck ("Entlang den Gräben").

Seine CDs im Ohr, möchte ich fragen, ob das musikalische Erbe des Orients eine natürliche Verbindung zur Neuen Musik bietet. Aber kaum habe ich mich gesetzt, bin ich wie in allen Gesprächen bisher wieder beim Aghet, bei der "Katastrophe", wie der Genozid in Armenien heißt, nur weil das Wort Erbe fällt. Mansurians Mutter war wenige Monate alt, als türkische Soldaten seinen Großvater mitsamt den anderen Männern ihrer Stadt Marasch in einer Scheune einsperrten und sie anzündeten. Die Großmutter und die Tante starben auf dem Marsch nach Syrien. Nur die Mutter überlebte, wenige Monate alt, und wuchs in einem amerikanischen Waisenhaus in Beirut auf. So viel zum Erbe eines Armeniers seiner Generation.

In Beirut wurde auch…

Jetzt weiterlesen für 0,94 €
Nr. 2/2018