Lesezeit 11 Min
Verbrechen

Schuld

Zwölf Menschen starben, weil der Fahrdienstleiter im Stellwerk Bad Aibling fatale Fehler machte. Welche Verantwortung trägt die Bahn?

JOERG KOCH/ DER SPIEGEL
von
Julia Jüttner
Lesezeit 11 Min
Verbrechen

Am Morgen des 9. Februar steht Michael P. früh auf, um 5 Uhr beginnt sein Dienst im Bahn-Stellwerk Bad Aibling. Es ist 3.41 Uhr, er ist noch zu Hause, als er zum ersten Mal an jenem Tag das Spiel "Dungeon Hunter 5" auf seinem Handy aufruft. Darin jagt der Spieler als Kopfgeldjäger böse Kreaturen. Weil der Deutsche Wetterdienst eine Sturmwarnung herausgegeben hat, macht sich der Fahrdienstleiter früher als sonst auf den Weg. Es ist Faschingsdienstag, in Bayern sind Schulferien.

Um 4.45 Uhr betritt Michael P. seinen Arbeitsplatz im Bahnhof von Bad Aibling: ein kleines Büro mit einem Schreibtisch, einem Fahrplan für Zugmeldestellen und einem Bildfahrplan. Es gibt drei Telefonapparate: der Streckenfernsprecher mit vielen kleinen, eckigen Tasten, die alle gleich aussehen, ein Diensthandy und einen Apparat für Zugfunk, Notrufe und Gespräche mit anderen Fahrdienstleitern. Daneben der Stelltisch, auf dem die Bahnlinien aufleuchten, wenn sich ein Zug auf der Strecke befindet. Es ist das wichtigste Werkzeug für den Fahrdienstleiter. Er sieht dort alle Gleise, Weichen und Signale. Ist ein Gleis belegt, leuchtet es im Bahnhof und auf der Strecke Rot auf. Von allen Geräten werden später im Gerichtssaal vergrößerte Abbildungen hängen.

Radio, Fernsehen, Datenverarbeitungsgeräte sind laut Dienstvorschrift im Stellwerk nur erlaubt, wenn es für die Arbeit erforderlich ist; die Richtlinie Fahrdienstvorschrift Regelwerksnummer 408.0111 untersagt damit die Nutzung privater Mobiltelefone.

Michael P., 40, kennt die…

Jetzt weiterlesen für 0,89 €
Nr. 48/2016