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Gesellschaft

Schöne neue Welten

200 Jahre nach der Geburt von Karl Marx ist die Kritik am Kapitalismus allgegenwärtig. Die Ungleichheit innerhalb der Länder nimmt zu, die Umwelt wird weiter zerstört. Zugleich befeuert die Digitalisierung Ängste vor dem sozialen Niedergang. Gibt es Alternativen?

JESCO DENZEL / DER SPIEGEL
von
Markus Brauck
Lesezeit 31 Min
Gesellschaft

Was eigentlich soll das sein: der Kapitalismus? Ständig taucht das Wort in den Debatten auf, in den Talkshows. Die Diskussionen darüber füllen Bibliotheken. Und doch scheint das Wort ständig etwas anderes zu bedeuten.

Von Karl Marx bis zu G 20, vom TTIP-Protest bis zum Grundsatzprogramm der SPD, jeder benutzt es, jeder führt es im Munde – und dabei wird es uneindeutig und verwaschen, es franst aus. Eigentlich erklärt es nichts mehr.

Und doch, merkwürdigerweise, bleibt das Wort gefühls- und ressentimentbeladen wie kaum ein anderes.

Schon bei der Frage, wann der Kapitalismus als historische Epoche begonnen hat, wird es schwammig. Mit der Erfindung des Geldes, des Marktes oder des Bankwesens? Und ist jede Wirtschaftsform, die am Privateigentum festhält, schon Kapitalismus?

Das unbestreitbar Neue am modernen Kapitalismus, wie er seit knapp zwei Jahrhunderten die westliche Wirtschaft formt, ist seine Dynamik. Sie entsteht, weil Unternehmen ihr verdientes Geld nicht anhäufen, sondern gleich wieder investieren, vorzugsweise in neue Technik, die dazu führt, dass noch mehr und noch billiger produziert und noch mehr Geld verdient wird. Und immer so weiter.

Auf diese Weise wuchs das Vermögen, wuchs die Masse der Konsumgüter, wuchs die Wirtschaft in einem bis dahin nie gekannten Maße. Allerdings kam es auch zu einer völlig neuen Ballung ökonomischer Macht.

Heute benutzen das Wort »Kapitalismus« fast nur seine Kritiker. Vor allem bündelt der Begriff das Unbehagen am aktuellen Wirtschaftssystem. An der Tendenz, allem einen Preis zu geben. An der Tendenz, für den wirtschaftlichen Vorteil jede Moral fahren zu lassen. An der Tendenz, das Anhäufen von Geld zum Selbstzweck zu erheben. An der Tendenz zur Ungleichheit. An der Tendenz, Menschen und Umwelt auszubeuten.

Die Digitalisierung scheint diese Entwicklungen zu potenzieren. Sie schafft noch schneller unglaubliche Vermögen, drängt den Einzelnen noch gezielter zum Konsum, verbraucht noch mehr Energie. Sie macht den Einzelnen, der seine Arbeitskraft anbietet, noch leichter ersetzbar durch andere Menschen irgendwo auf der Erde – oder durch Roboter und Algorithmen. Und sie macht alles und jeden noch stärker berechenbar, manipulierbar, ausnutzbar.

Dieses Unbehagen ist Grund genug, 200 Jahre nach Karl Marx' Geburt noch einmal die Fragen zu stellen: Was könnte nach dem Kapitalismus kommen? Ist er reformierbar? Gibt es etwas Besseres? Fragen an die Globalisierungskritikerin Kathrin Hartmann, den Ökonomen Hans-Werner Sinn, den Philosophen Richard David Precht, die Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg und den Soziologen Harald Welzer.

Was ist eigentlich so schlimm am Kapitalismus? Oder: Kathrin Hartmann regt sich auf.

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie man aus einem Gespräch mit Kathrin Hartmann herausgehen kann: wahnsinnig schlecht gelaunt oder wahnsinnig gut.

Wahnsinnig schlecht: weil die Globalisierungskritikerin in 15 Minuten erklärt, warum ein bisschen Biowurst, etwas Fair-Trade-Kaffee und viel guter Wille nichts bringen auf dem Weg in eine bessere Welt. Und dass alles, was der normal bewegte Konsument so macht, bloß der Verfestigung des Status quo dient.

Wahnsinnig gut: weil sie den Konzernen mit Wut und Wonne den Kampf ansagt – und sie in ihrer Konsequenz nicht verzweifelt wirkt, sondern fröhlich. Und weil sie zumindest eine Ahnung davon hat, wie sie aussehen könnte, eine bessere Welt.

Kapitalismuskritik, unter uns, kann ja sehr nervtötend daherkommen. Rechthaberisch. Und auf eine Weise ins eigene Scheitern und die Ausweglosigkeit verliebt, dass man doch lieber Kapitalist bleibt. Vor allem: Das ewige Genöle mündet selten in Lösungen.

Was soll man denn tun? Es gibt ja bisher nichts Besseres, oder? Außer vielleicht: anders einkaufen.

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Globalisierungskritikerin Hartmann: »Es geht um Spaltung«

Öde.

Hartmann zertrümmert erst einmal die Idee, der Kapitalismus könne sich von innen heraus so verändern, dass er menschlich und demokratisch wird, also: gut. »Man kann ja auch die Waffenindustrie nicht von innen so verändern, dass…

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Nr. 19/2018