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Schmutzige Geheimnisse

Das Versprechen vom sauberen Diesel ist als Lüge entlarvt, die Konzerne haben auf die falsche Technik gesetzt. Untersuchungen der geheimen Motorsteuerung belegen: Auch Opel hat die Abgasreinigung gezielt abgeschaltet.

DER SPIEGEL
von
Sven Becker
,
Dietmar Hawranek
,
Horand Knaup
,
Ann-Katrin Müller
,
Marcel Rosenbach
und
Gerald Traufetter
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Seit drei Jahren ist Karl-Thomas Neumann Vorstandschef von Opel, und in dieser Zeit bekam er viel Schmeichelhaftes zu hören.

Dass die Marke wieder „blitzt“, seitdem er das Ruder übernommen habe, konnte er etwa über sich lesen. Opel sei „auf Zack“, lobte die „Bild“-Zeitung und kürte den 55-Jährigen zum Gewinner des Tages, weil sein Unternehmen langsam wieder aus der Verlustzone herausfährt.

Weniger erfreulich verlief eine Dienstreise in diesem Frühjahr nach Berlin. Seit VW, Opels ärgster Konkurrent, im vergangenen Herbst Manipulationen an der Abgasreinigung vieler Fahrzeuge eingestehen musste, prüft die Untersuchungskommission „Volkswagen“ des Ministeriums auch die Abgaswerte anderer Hersteller. Die Ministerialen hielten der Opel-Delegation bei dem Treffen in Berlin vor, welche desaströsen Stickoxidemissionen ihre Kontrolleure bei zwei Fahrzeugen der Marke Opel gemessen hatten.

Bis zu elfmal mehr von dem giftigen Gas, als die Vorschriften erlauben, stößt beispielsweise der Familienwagen Opel Zafira aus, ähnlich schlecht schneidet auch das Mittelklassemodell Insignia ab. Bei einer Anhörung vor zwei Monaten sagten die Opel-Leute, das Abschalten der Abgasreinigung erfolge bei bestimmten Temperaturen und diene dem Schutz der Motoren. Das sei vollkommen legal, rechtfertigten sie sich. Die von Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) eingesetzte Kommission nahm ihnen das ab.

Schon bald dürfte Neumann im Ministerium in Berlin weitere, noch unangenehmere Fragen beantworten müssen. Gemeinsame Recherchen des SPIEGEL und des ARD-Magazins „Monitor“, die von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) unterstützt wurden, legen den dringenden Verdacht nahe, dass Neumann die Kommission getäuscht hat. Eine Analyse der Motorensoftware von Opel-Fahrzeugen lässt kaum einen anderen Schluss zu.

Die Recherche hat ergeben, dass die Software die Abgaseinrichtungen in den Dieselaggregaten nicht nur bei bestimmten Temperaturen, sondern auch in anderen Fahrsituationen abschaltet. Und dass neben dem Opel Zafira auch der Astra über eine ähnlich verdächtige Programmierung verfügt. 

Das ist für Opel im Zweifel noch schwerwiegender. In das Massenmodell Astra, gekürt zum „Auto des Jahres 2016“, setzt Neumann alle Hoffnung, in diesem Jahr wieder Gewinne zu schreiben. Derzeit, so lässt Opel stolz verlauten, lägen über 160000 Bestellungen vor.

Nun will das Ministerium, von SPIEGEL und „Monitor“ über die Rechercheergebnisse informiert, prüfen, ob der Schummelcode technisch zu rechtfertigen ist und ob er den geltenden Gesetzen entspricht.

In einer Stellungnahme zu den Vorwürfen ging Opel nicht auf die neu entdeckten Abschalteinrichtungen ein. Das Unternehmen bekräftigte lediglich, dass „wir keine Software einsetzen, die feststellt, ob ein Auto einem Abgastest unterzogen wird“. Weiter hieß es: „Unsere Software war nie darauf ausgelegt, zu täuschen oder zu betrügen.“ Gegenüber der Öffentlichkeit versuchte der Konzern, die Untersuchungen als „Experimente“ zu diskreditieren.

Juristen und Motorenentwickler, denen das Rechercheteam Einblicke in die Ergebnisse seiner Arbeit gab, sehen das anders.

„Sowohl bei VW als auch bei Opel handelt es sich um eine Abschaltvorrichtung“, sagt etwa der Umweltrechtsexperte Professor Martin Führ von der Hochschule Darmstadt. „Wie die technisch angelegt ist, das ist im Prinzip sogar egal, es ist ein Verstoß gegen die Verordnung.“

Jürgen Resch, der Geschäftsführer der DUH, fordert deshalb: „Minister Dobrindt muss einen Zulassungsstopp erlassen.“ Seine Organisation hat Opel bereits Anfang dieser Woche aufgrund der neuen Erkenntnisse eine Abmahnung wegen irreführender Werbung zukommen lassen.

Der Rüsselsheimer Autobauer soll nicht mehr behaupten, der Zafira bereite „Dieselspaß ohne Reue“ und sei…

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Nr. 20/2016