Lesezeit 13 Min
Verbrechen

Schläge, Liebe, Hoffnung

Eine 42-jährige Frau wurde als Kind misshandelt und vernachlässigt. Ihrem Sohn will sie eine bessere Mutter sein. Aber die Schatten ihrer Vergangenheit sind lang.

DMITRIJ LELTSCHUK / DER SPIEGEL
von
Antje Windmann
Lesezeit 13 Min
Verbrechen

Es ist zwei Uhr nachts, er wälzt sich im Bett und heult. Sein Knie tue ihm weh, sagt er, vom Fußballspielen. Sie will ihm einen Verband und ein Schmerzgel holen. Das will er nicht. Sie schlägt vor, das Knie zu kühlen. Auch das will er nicht. Er brüllt nun. Laut, immer lauter. Seine Schreie hallen durch die Wohnung.

Sie denkt an die dünnen Wände des Mietshauses, in dem sie wohnt. Was die Nachbarn wieder glauben werden, wenn sie ihn brüllen hören. Dass sie unfähig ist, ihr Leben nicht im Griff hat. Asozial. Die Scham kriecht in ihr hoch, wandelt sich in Wut. Und dann ist es wieder da, dieses Gefühl von Ohnmacht.

Sie sieht das Kissen am Fußende seines Betts. Sie will danach greifen, es auf sein Gesicht drücken. Sie stellt sich vor, wie sie sich mit ihrem ganzen Gewicht darauflegt, er zu zappeln beginnt, sie aber nicht nachlässt. Und wie dann ein für alle Mal Ruhe ist. Endlich.

Im Bett vor Juliane Martens liegt in jener Nacht im Juli der Mensch, von dem sie sagt, dass sie ihn mehr liebt als alles andere auf der Welt. Er ist sieben Jahre alt und heißt Johann. Es ist ihr Sohn.

Wenige Wochen später sitzt Juliane Martens am Esstisch in ihrer Dreizimmerwohnung im Hamburger Osten. Die alleinerziehende Mutter, die in Wirklichkeit anders heißt, trägt ein kariertes Hemd, die dunklen Haare hat sie zu einem straffen Zopf gebunden. Sie starrt auf ihre verkrampften Hände. Es sieht aus, als umklammerten ihre Finger ein Kissen.

Juliane Martens holt tief Luft. "Ich habe mir dann gut zugeredet: Ich bin 42 Jahre alt. Er ist erst sieben. Ich bin die Mutter. Er ist das Kind." Sich das zu vergegenwärtigen, hilft ihr, sich nicht von ihren Gefühlen überwältigen zu lassen; ihre Ohnmacht in diesem Moment nicht mit ihrer Ohnmacht von damals zu verwechseln.

Fühlt sich Juliane Martens überfordert, fällt es ihr schwer, ihre…

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Nr. 39/2015