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Sport

Scheiße, wir sterben

Zehn Bergsteiger, darunter ein Bergführer, brechen zu einer berühmten Tour auf, der »Haute Route« quer durch die Alpen. Der Wetterbericht sagt für den vierten Tag schwere Schneestürme voraus. Sie gehen dennoch weiter.

HILMAR SCHMUNDT / DER SPIEGEL
von
Hilmar Schmundt
und
Samiha Shafy
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Am frühen Morgen des 29. April 2018, einem Sonntag, erwacht Lisa Hagen in einer Berghütte auf 2928 Metern, es ist fünf Uhr, sie hat schlecht geschlafen. Sie denkt an das Wetter.

Sie läuft vom Bettenlager, das sie sich mit drei anderen Frauen und vier Männern aus ihrer Gruppe teilt, in den Gastraum der Hütte, wo es ein iPad gibt. Sie schaut aus dem Fenster, das Tal ist noch dunkel, die Gipfel leuchten milchig im ersten Morgenlicht. Von Süden her ziehen Wolken wie dunkle Finger über den Alpenkamm. Lisa liest auf dem iPad die Seite mit dem Wetterbericht. Eine Kaltfront strömt vom Atlantik heran und verdrängt die warme Mittelmeerluft. Zu erwarten sind Schneefall und Sturmböen von über hundert Stundenkilometern. Die Nullgradgrenze sinkt von über 3000 Metern auf unter 2000 Meter.

Nach und nach kommen die anderen in den Gastraum, sie wollen früh aufbrechen, Tag vier einer gemeinsamen Bergtour, ein Tag mit einer schwierigen Etappe. Ihr Bergführer und seine Frau waren als Erste aufgestanden, auch er hatte sofort in das iPad geschaut, wegen der Wetterprognose. Er steht da und sagt nicht viel, er muss entscheiden, ob die Gruppe die Tour fortsetzen kann oder nicht. Wir frühstücken jetzt erst mal, sagt er. Auf den Tischen stehen Brot, Butter, Marmelade, Tee und Kaffee. Er isst etwas, dann öffnet er noch mal den Wetterbericht. Wir warten ab, sagt er dann, wir warten, wie sich das Wetter entwickelt.

Lisa Hagen, blond, mittelgroß, athletisch, 47 Jahre alt, ist in München zur Welt gekommen, die Berge waren ihr immer nah. Ihre Eltern waren Skifahrer, die Großeltern wohnten in einem bayerischen Skigebiet. Sie konnte schon als kleines Kind Ski fahren.

Mit Mitte dreißig traf sie einen Mann, der die Berge liebte wie sie. Sie unternahmen Touren, die immer höher hinaus gingen, sie fanden einen Bergführer, dem sie vertrauten. Der Mann, den sie liebte, starb bei einem Autounfall. Von da an zog sie allein in die Berge.

In den letzten Monaten hatte sie noch härter trainiert als sonst, sie wollte sich einen Traum erfüllen und die »Haute Route« begehen, den »Hohen Weg«. Eine Woche auf Ski und Steigeisen.

Britische Gentlemen erkundeten die Haute Route vor rund 150 Jahren als Sommerstrecke, 1911 gelang die erste…

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Nr. 30/2018