Lesezeit 24 Min
Verbrechen

Schattenfrauen

Täterinnen, die Kinder sexuell missbrauchen, werden noch immer als Randerscheinung verharmlost – zu Unrecht. Das Verfahren gegen ein Paar aus Staufen wirft Licht auf ein machtvolles Tabu.

JAN FEINDT / DER SPIEGEL
von
Beate Lakotta
Lesezeit 24 Min
Verbrechen

Der Junge, zehn Jahre alt, wird vor Gericht nicht erscheinen. Niemand soll seinen Namen erfahren. Er versuche, in einem neuen Leben Tritt zu fassen, an einem sicheren Ort, so wird es die Staatsanwältin am Ende des Tages sagen, nachdem sie den ganzen Horror ausgebreitet hat: Sexualstraftaten in allen Variationen, begangen an Kindern. Mehr als drei Stunden lang arbeiten sich Nikola Novak und eine Kollegin im Wechsel durch die Anklageschrift, sachlich und nüchtern, 58 Taten, 130 Seiten. Im Saal ist es still, nur ab und zu ein Aufstöhnen im Publikum.

Angeklagt sind die Mutter des Kindes, Berrin T., 48 Jahre alt, und ihr 39-jähriger Lebensgefährte Christian L. Die beiden gestanden, sich im Jahr 2015 mehrmals an der dreijährigen Tochter einer Bekannten vergangen zu haben, und danach an Berrin T.s Sohn. Mehr als zwei Jahre lang benutzten, verletzten, quälten und erniedrigten sie das Kind – und filmten das Ganze. Sie verkauften und tauschten die Clips im Darknet genannten Teil des Internets. Sie boten den Jungen dort an und überließen ihn pädosexuellen Freiern zur Vergewaltigung. Vier von ihnen wurden bereits in erster Instanz zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt.

Der Fall aus dem badischen Staufen wirft Fragen nach Versäumnissen von Ämtern, Therapiestellen, Gerichten auf. Denn nicht nur die alleinerziehende Berrin T. war im Bilde, auf wen sie sich einließ: Christian L., den sie bei der Freiburger Tafel traf, hatte mehr als vier Jahre Gefängnis hinter sich, wegen sexuellen Missbrauchs einer 13-Jährigen und dem Besitz von Kinderpornografie. Bald nannte der Junge ihn Papa.

Das Jugendamt brachte das Kind im März 2017 in einer Pflegefamilie unter, vorsorglich, ohne von den sexuellen Übergriffen zu ahnen. Dagegen zog Berrin T. vor das Familiengericht, das schickte den Jungen nach Hause zurück. Auch beim Oberlandesgericht glaubte man, die Mutter werde ihr Kind schützen, wie sie es vor Gericht versprochen hatte. Stattdessen setzten Berrin T. und Christian L. ihr Treiben fort. Im September 2017 endete es nach einem anonymen Hinweis.

Viele Pannen kamen in dem Fall zusammen: Informationen versickerten auf dem Behördenweg, das Kind wurde nie befragt und hatte keinen Beistand vor Gericht, ein Psychologe fiel auf Lügen von Christian L. herein – alles schlimm genug.

An einem neuralgischen Punkt jedoch weist das Geschehene über den Einzelfall hinaus: Alle beteiligten Stellen vertrauten der Mutter. Sie sei der "blinde Fleck" gewesen, räumten Behörden ein. Man sah in ihr die kämpfende, liebende Beschützerin. Anstatt in Erwägung zu ziehen, dass Berrin T. etwas anderes sein könnte: Täterin.

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Täterinnen, die Kinder sexuell missbrauchen, werden noch immer als Randerscheinung verharmlost – zu Unrecht.

Dass dies geschah, war wohl kein Versehen oder Zufall. Experten zufolge führen Frauen, die Kinder missbrauchen, in der öffentlichen Wahrnehmung ein Schattendasein. Die Gründe dafür liegen tief, sie wurzeln in Tabus, Geschlechtermythen und kollektiver Verdrängung.

Eine beunruhigende Hypothese ist das: Ein nicht geringer Anteil von Missbrauchstaten wird allein deshalb nie bekannt oder bestraft, weil Frauen sie gedeckt oder begangen haben.

Der Fall Berrin T. gibt Anlass, dem nachzugehen.

Das Verfahren zum Staufen-Fall ist verstörend für…

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Nr. 32/2018