Lesezeit 23 Min
Fernweh

Russlands Himmel

Eine Reise in den Osten eines zerrissenen Kontinents. Sechste Etappe: Jalta.

DMITRIJ LELTSCHUK / DER SPIEGEL
von
Navid Kermani
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Fernweh

Kermanis Reise (VI) Im Oktober vergangenen Jahres veröffentlichte der SPIEGEL eine vierteilige Reportage des Kölner Schriftstellers Navid Kermani über seine Exkursion in den Osten Europas. Sie begann in Schwerin und führte bis in die Ukraine. Im Januar nun setzte er seine Expedition entlang des Risses fort, der sich dort zwischen Ost und West auftut: von der Krim bis in den Kaukasus.

Dritter Tag

In Jalta klingen die Straßennamen mehr als siebzig Jahre nach der Konferenz, auf der Deutschland in vier Besatzungszonen aufgeteilt wurde, noch immer versöhnlich. Die Uferpromenade, die nach Lenin benannt ist, geht nahtlos in die Roosevelta über, und die Hauptverkehrsader, die sich entlang des Flusses zieht, heißt am einen Ufer Moskowskaja, am anderen Kiewskaja, als wären Russland und die Ukraine brüderlich am Wasser vereint. Ansonsten tragen auffallend viele Straßen die Namen von Dichtern, die sich in Jalta erholt, vergnügt und getroffen haben, Puschkinskaja, Gogolja, Tschechowa und so weiter. Jalta, das war einmal Russlands südlicher Himmel. Seit die Krim 2014 wieder zu Russland gehört, ist das Mondäne allerdings weitgehend museal: Die Kreuzfahrtschiffe, die für die Stadt die wichtigste Einnahmequelle waren, legen nicht mehr an.

Natalja Dobrynskaja ist Chefredakteurin eines Reisemagazins für die Krim und von so überbordendem, herzlichem Temperament, dass man schnell ahnt, warum sie die Gastfreundschaft zum Beruf gemacht hat. "Ja, der Tourismus ist leider eingebrochen", räumt sie ein, nur um einen Satz später von der Euphorie des 16. März 2014 zu schwärmen, als die Halbinsel über den Anschluss an Russland abstimmte. Von Narzissen berichtet sie, die auch sie an Erstwähler verteilte, vom allgemeinen Gefühl, jetzt oder nie werde ihr Schicksal neu geschrieben.

Gab es denn auch pragmatische Gründe, sich von der Ukraine zu lösen, möchte ich wissen. Sicher, antwortet Natalja und verweist auf die Fischfabriken, bekannt in der ganzen Sowjetunion, die durch die Privatisierung zugrunde gerichtet worden seien, überhaupt, der Verfall der Straßen, Schulen, öffentlichen Gebäude. Vielleicht habe die Regierung in Kiew andere Regionen ebenfalls vernachlässigt, das wisse sie nicht genau, hier jedoch habe man immer schon nach Russland geschaut und Vergleiche angestellt. Und dann auch noch die Ablehnung des Russischen als zweite Amtssprache, die das Parlament im Februar 2014 beschloss, obwohl kaum jemand auf der Krim Ukrainisch beherrscht – das habe wie eine Ausladung gewirkt.

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Kermanis Reise Teil VI

Am Tag des Referendums, berichtet Natalja, habe es so gestürmt, dass ihre Nachbarin, eine alte Frau, die seit sechs Jahrzehnten als Wärterin im Tschechow-Museum arbeite – von der Schwester Tschechows persönlich eingestellt! –, auf dem Weg zum Wahllokal vom Wind erfasst worden und gegen eine Mauer geprallt sei. Im Krankenhaus habe die älteste Wärterin Tschechows dennoch ihre Stimme für Russland abgegeben. Überhaupt sei der Tag sehr emotional gewesen, wenn auch zugegeben bitter für…

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Nr. 8/2017