Lesezeit 25 Min
Gesellschaft

Reden ist Geld

In kaum einem anderen EU-Land hält sich die klassische Rollenverteilung so beharrlich wie in Deutschland: Er verdient das Geld, sie kümmert sich um die Familie. Das ist gefährlich, für Männer und für Frauen.

MARIA FECK / DER SPIEGEL
von
Silvia Dahlkamp
,
Isabell Hülsen
,
Ann-Katrin Müller
und
Anne Seith
Lesezeit 25 Min
Gesellschaft

Es war der Tag einer Karrierefrau: Tina Rademacher, damals Deutschlandchefin der Werbeagentur J. Walter Thompson, hetzte von Termin zu Termin. Mittags blieben ihr ein paar Minuten für ein Sandwich. Abends eilte sie zum Flieger nach Hause.

Als die Maschine eine gute Stunde später landete und Rademacher ihr Handy einschaltete, erschien eine SMS: "Wo bist du?"

Die Managerin rannte in Pumps und Kostüm an den Gepäckbändern vorbei, zwei Rolltreppen hoch bis zur Airport Security. Dort wartete ihr Mann, der sich um seine Maschine nach New York sorgte. Neben ihm: die beiden übermüdeten Kinder, heute fünf und acht Jahre alt.

Während ihr Mann hinter der Sicherheitskontrolle verschwand, schob Rademacher die Söhne zum Ausgang. Zu Hause bekam der Jüngste einen Wutanfall, weil er eine Gutenachtgeschichte wollte. Müde fiel Rademacher danach ins Bett, einen 18-Stunden-Tag hinter sich. "Das ist doch krank", dachte sie.

Keine zwei Jahre ist das jetzt her und eine Episode aus einem anderen Leben. Rademacher, 44, hat ihren Job aufgegeben. Die preisgekrönte Managerin kümmert sich um die Kinder. Für den Unterhalt der Familie sorgt derzeit: ihr Mann. "Zwei Karrieren, zwei Kinder, das ist in Deutschland nahezu unmöglich", sagt sie.

Es ist die moderne Fassung einer alten Geschichte: Er verdient das Geld, sie kümmert sich um Haushalt und Kinder. Zwar sind Frauen heute so gut ausgebildet wie nie zuvor. Doch am Ende landen die meisten Paare, gewollt oder nicht, bei dieser klassischen Rollenverteilung, vor allem in den alten Bundesländern.

Obwohl eine solche Biografie zur ökonomischen Falle werden kann. Christine Veicht, 54, hat das gerade schriftlich bekommen.

Sie sitzt mit hängenden Schultern in ihrer Frankfurter Wohnung auf der Couch, vor sich den jüngsten der jährlichen Rentenbescheide: 316,60 Euro im Monat wird sie voraussichtlich bekommen, wenn sie alt ist. "Das ist die Strafe dafür, dass ich meine Kinder erzogen habe", sagt Veith bitter.

Sie und ihr Exmann lebten das klassische Familienmodell: Sie kümmerte sich um Haushalt und Kinder, er brachte als selbstständiger IT-Berater das Geld nach Hause. Heute ist der jüngste Sohn 18, die Ehe geschieden und Veichts Konto leer.

Als sie noch verheiratet war, hatte sie über eine solche Situation nie nachgedacht. Wie selbstverständlich übernahm Veicht die unentgeltliche Hausarbeit, ohne mit ihrem Mann über den Fall einer Trennung oder ihre Altersvorsorge zu sprechen. Das wäre ihr schlicht nie in den Sinn gekommen, sagt Veicht.

So ist es in vielen Partnerschaften: Geld ist das letzte große Tabu – zumindest, wenn es um die Frage geht, was wem gehört. Etliche Paare schlittern in ein Abhängigkeitsverhältnis, ohne die Folgen zu besprechen.

"Über sexuelle Wünsche reden die meisten heute sehr offen mit ihrem Partner, aber kaum ein Paar möchte seine Liebe durch so etwas Profanes wie Geld beschädigen", sagt der Paarberater Michael Mary (siehe SPIEGEL 43/2016). Vor allem Frauen täten sich schwer, ökonomische Forderungen zu stellen und sich um die eigenen Finanzen zu kümmern.

Dabei hätten gerade sie es nötig. In kaum einem anderen Industrieland sind Frauen finanziell derart abhängig von Männern – und in kaum einem ist ihr Armutsrisiko so groß.

Männer haben in Deutschland im Schnitt ein fast 40 Prozent höheres Einkommen, ihre Altersbezüge sind beinahe 60 Prozent höher. Auch ihr…

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Nr. 3/2017