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Gesellschaft

Rechtsstaat in drei Stunden

Justizmitarbeiter bringen in Bayern Flüchtlingen die Regeln des Zusammenlebens in Deutschland bei – ein Unterrichtsbesuch.

DANIEL KARMANN / DER SPIEGEL
von
Beate Lakotta
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Gesellschaft

Für die Begegnung in der Asylunterkunft am Rangierbahnhof haben die Nürnberger Staatsanwältinnen Jeans und Sakko gewählt; die Flüchtlinge sind ja auch nicht in Anzug und Kostüm unterwegs. Oberstaatsanwältin Jutta Schmiedel und Staatsanwältin Dr. Rebekka Übler platzieren zwei signalrote Bände "Deutsche Gesetze" auf dem Tisch des Unterrichtsraums, sie machen sich mit der Dolmetscherin bekannt, einer promovierten Politologin aus Damaskus. Dann kommen gut zwei Dutzend meist jüngere Männer herein, in Anorak, Turnschuhen, Wollmütze und Kapuzenpullover, sie reichen den Frauen zur Begrüßung die Hand.

Über Flüchtlinge und Asylbewerber lesen die Staatsanwältinnen jeden Tag in der Zeitung, dienstlich begegnet sind sie bislang kaum einem. Bei Jutta Schmiedel um die Ecke eröffnet demnächst ein Asylbewerberheim. Was sie vom Unterricht erwartet? "Wir lassen uns überraschen", sagt sie.

Das Landgericht Nürnberg-Fürth hat Flüchtlinge mit Bleibeperspektive zum Rechtsbildungsunterricht eingeladen. Die Teilnahme am Kurs ist freiwillig. Weibliche Teilnehmer sind an diesem Morgen nicht erschienen. Ein Zeichen patriarchaler Unterdrückung? Nein, klärt die Heimleiterin von der Stadtmission auf, eine junge Frau in kurzem Kleid, es handelt sich um eine reine Männerunterkunft.

"Wo kommen Sie her?", fragt die Oberstaatsanwältin in die Runde. "Mein Name ist Adnan, ich komme aus Syrien, ich bin Anwalt, fünf Monate hier", sagt ein Endzwanziger auf Deutsch. "Jamal aus Irak,…

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Nr. 13/2016