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Politik

„Rechnet mit uns!“

Oppositionsführer Kemal Kılıçdaroğlu fühlt sich durch seinen Marsch für Gerechtigkeit gestärkt. Zehntausende begleiteten ihn zum Schluss, nun kündigt er weitere Proteste an.

EMIN ÖZMEN / DER SPIEGEL
von
Maximilian Popp
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Politik

Ankara gleicht in diesen Tagen einem Kriegsmuseum: Die Straßen sind mit türkischen Flaggen geschmückt, an den Häuserwänden hängen Bilder von Bürgern, die sich Panzern in den Weg stellen. Am Samstag, dem 15. Juli, jährt sich der Staatsstreich zum ersten Mal. Präsident Recep Tayyip Erdoğan beschwört den heroischen Kampf der Bürger gegen die Putschisten und geriert sich als Retter der Demokratie. Die Regierung hat dem Land mehrtägige Feierlichkeiten zum Gedenken an den verhinderten Aufstand verordnet.

Doch auch die Opposition schöpft in diesen Tagen wieder Hoffnung. Zehntausende hatten sich in den vergangenen Wochen dem Vorsitzenden der Republikanischen Volkspartei (CHP), Kemal Kılıçdaroğlu, angeschlossen, der aus Protest gegen die Inhaftierung eines Parteifreundes von Ankara nach Istanbul marschierte. Die Abschlusskundgebung am 9. Juli geriet zum Massenaufstand gegen Erdoğan.

Kılıçdaroğlu, 68, sitzt drei Tage später in seinem Büro in der Parteizentrale in Ankara, im Anzug, aber vom wochenlangen Marsch noch gebräunt. "Gandhi Kemal" rufen ihn seine Bewunderer. Auf seinem Schreibtisch steht eine Figur des indischen Widerstandskämpfers.

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Nr. 29/2017