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Gesellschaft

Radikale Mitte

Die AfD wächst zu einer neuen Volkspartei heran, sie vernetzt sich in den Sicherheitsbehörden, der Bundeswehr und den Medien. Was tun mit einer Bewegung, die in Teilen den demokratischen Konsens aufkündigt?

ROBIN HINSCH / DER SPIEGEL
von
Melanie Amann
,
Matthias Bartsch
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Stefan Berg
,
Jan Friedmann
,
Annette Großbongardt
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Hubert Gude
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David Gutensohn
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Martin Knobbe
,
Veit Medick
,
Katharina Meyer zu Eppendorf
,
René Pfister
,
Max Polonyi
,
Fidelius Schmid
,
Andreas Ulrich
,
Wolf Wiedmann-Schmidt
und
Steffen Winter
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Gesellschaft

Jeden Monat stehen sie da, für drei Stunden, gleich neben dem Blumenverkäufer. Vier Leute, ein Tisch, ein Sonnenschirm, ein blaues AfDT-Shirt hängt daran mit der Aufschrift: »Niemand ist perfekt, doch als Brandenburger ist man verdammt nah dran.« Ein Wochenmarkt in Woltersdorf, 40 Autominuten von Berlin entfernt, Kathi Muxel, die Kreisvorsitzende der AfD Oder-Spree, sagt: »Wir sind die Einzigen, die da sind, auch wenn keine Wahl ansteht. Das honorieren die Bürger.«

Mehrmals in der Woche spannen die AfD-Leute ihren Sonnenschirm irgendwo im Landkreis auf, manche nehmen dafür Urlaub, andere sind selbstständig und können sich ihre Arbeitszeit selbst einteilen, und dann warten sie, bis die Leute kommen, und die Leute kommen immer, und dann reden sie. Über den Ärger mit teuren Straßenlampen in Neuzelle, über den geplanten Umzug des Wertstoffhofs in Erkner, über die »Verlogenheit der Bundesregierung«, die von einer Hetzjagd in Chemnitz spreche, obwohl es doch gar keine Hetzjagd gegeben habe.

Ständig da zu sein, zu reden, zu hören, das war ihr Rezept auch schon im Bundestagswahlkampf. 22,1 Prozent der Zweitstimmen haben sie hier geholt und lagen damit nur knapp hinter der CDU. Da mag der Wahlkreiskandidat Alexander Gauland eine Rolle gespielt haben. Entscheidend aber ist die Nähe zum Bürger, die am östlichen Rand Brandenburgs sonst keine Partei so intensiv pflegt wie die AfD. Sie ist fest verwurzelt, nicht nur in der ostdeutschen Provinz, sondern vielerorts im Land.

Politische Umbrüche kommen selten über Nacht, sie beginnen schleichend, und dann wacht man eines Morgens auf und befindet sich in einem anderen Land. Die kleine Gruppe, die sich am Abend des 6. Februar 2013 im evangelischen Gemeindezentrum Oberursel zur Gründung der »Alternative für Deutschland« zusammenfand, ahnte ja selbst nicht, was sie auslösen würde: Wer hätte gedacht, dass ein pensionierter Staatssekretär, ein konservativer Feuilletonist und ein zahlenverliebter Volkswirtschaftsprofessor das Gesicht der Republik verändern würden?

Dass die AfD von Alexander Gauland, Konrad Adam und Bernd Lucke innerhalb weniger Jahre zu einer Volkspartei der eigenen Art aufsteigen würde, zumindest in Teilen Ostdeutschlands, dass sie mit fast hundert Abgeordneten in den Bundestag einziehen würde, und zwar mit dem Versprechen, von nun an die Bundeskanzlerin zu »jagen«, und dass ihre Spitzenleute, wie zuletzt geschehen, zusammen mit Rechtsextremen durch die Straßen von Chemnitz marschieren würden?

Die AfD steht für einen beispiellosen politischen Erfolg, aber auch für eine Geschichte der Radikalisierung. Wie jede neue Partei lebt die AfD vom Tabubruch, aber auf dem Weg nach rechts gibt es kein Halten. Jeder, der sich in den Weg stellte, wurde bisher überrollt. Zuerst traf es Lucke, den braven Parteichef der ersten Stunde, der von der ungleich geschickteren Frauke Petry gestürzt wurde.

Als Petry zu mächtig wurde, schob Alexander Gauland sie zur Seite, der mit seinen Tweed-Sakkos an einen freundlichen Lateinlehrer erinnert, in Wahrheit aber die wenigsten Hemmungen hat, mit dem ganz rechten Rand zu paktieren. So gesehen…

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Nr. 37/2018