Lesezeit 14 Min
Kultur

Radikal verzweifelt

Die eine schreibt über Feminismus, die andere über Rassismus, die eine ist neurotisch, die andere politisch: Melissa Broder und Brit Bennett sind ziemlich unterschiedlich – aber beide sind nun Stars der US-amerikanischen Literatur. Ein Besuch in Los Angeles.

ROBERT GALLAGHER / DER SPIEGEL
von
Philipp Oehmke
Lesezeit 14 Min
Kultur

Die vergangene Woche schien wieder besonders hart für die junge Frau hinter dem Twitter-Account SoSadToday. Panikattacken, Selbsthass und Depression hatten sie offenkundig aufs Neue erwischt, sie setzte mehrere Tweets pro Tag ab.

»I was fine till you gave me hope«, lautete einer: Mir ging es gut, bis du mir Hoffnung machtest. Davor hieß es bereits: »my anxiety is approximately the size of america«, meine Angst ist so groß wie Amerika. Und schließlich die Frage: »am i actually supposed to, like, live my life?« – verlangt man tatsächlich von mir, sozusagen, mein Leben zu leben?

Die 640 000 Follower von SoSadToday werden die Tweets vielleicht dennoch nicht allzu sehr beunruhigt haben. Im Gegenteil, dies ist der Stoff, den sie hier erwarten: zu Aphorismen stilisierte weibliche Verzweiflung.

Der Account tauchte zum ersten Mal im Jahr 2012 bei Twitter auf, er wurde schnell zum Inbegriff einer Bewegung, die sich irgendwo in den Untergruppen des modernen Feminismus einsortierte und als »Sad Girl Theory« zu einer Form weiblichen Widerstands erklärt wurde.

Wahrscheinlich lässt es sich tatsächlich als Ausdruck von Subversion verstehen, die Umwelt, vor allem die männliche, mit dem eigenen Unglück, der eigenen Unzulänglichkeit, Unsicherheit, dem Selbsthass, den Süchten und Fetischen zu überhäufen und damit ein traditionelles weibliches Rollenmuster – fröhlich oder zumindest gefasst zu sein – zu unterlaufen. Schöpferin des Begriffs »Sad Girl Theory« ist die Künstlerin Audrey Wollen, die in einem Interview erklärte: »Ich fühlte mich ein bisschen abgestoßen vom derzeitigen Feminismus, denn er verlangte so viel von mir – Selbstliebe, großartigen Sex, beruflichen Erfolg –, was ich einfach nicht zu bieten habe.« Girls' Sadness hingegen sei nicht passiv, narzisstisch oder hohl, sondern eine Geste der Befreiung, artikuliert und informiert, ein Weg, die Hoheit über Körper, Identität…

Jetzt weiterlesen für 0,93 €
Nr. 19/2018